Der richtige Zeitpunkt
Wie schreibt man über etwas, dass es nicht gibt? Über den richtigen Zeitpunkt. Mehrere leere Seiten in diesem Buch würden sich weder optisch besonders gut machen (außer vielleicht man würde sie farblich gestalten, aber dann wären Sie nicht mehr leer), noch wäre Ihnen als Leser damit geholfen.
Wie schreibt man also über dieses Kuriosum, diese in der heutigen Zeit zum Mysterium verkommenen Bezeichnung. Richtige Zeitpunkte gibt es offensichtlich nur noch für Aktiendeals, Marketingstrategien, Jobbewerbungen und für den Zug zur Arbeit. Wenn Babys nicht zum richtigen Zeitpunkt auf die Welt kommen leitet man die Geburt künstlich ein…
Moment, diese Parallele ist nicht einmal schlecht, denn irgendwie müssen Sie Ihren persönlich richtigen Zeitpunkt schlichtweg dann einleiten, wenn Sie es für richtig halten.
Es wird immer Gründe geben, um zu Haue zu bleiben. Die Gallenoperation von Onkel Herbert, die Küche, die mal wieder tapeziert werden müsste, der wöchentliche Stammtisch, das Staffelfinale der Lieblingsserie, die Prüfung auf der Uni. Manches mehr und manches weniger wichtig. Wie wichtig, das müssen Sie selbst entscheiden.
Solange Sie lediglich über eine Reise im normalen Urlaubsausmaß - also bis zu vier Wochen – nachdenken, sollte die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt auch kein all zu großes Problem sein. Dieses Problem stellt sich erst, wenn es für länger als einen Monat weggehen soll, Zeitraum nach oben offen.
Für manche ist der richtige Zeitpunkt für eine längere Reise die Zeit zwischen Schule und Bundeswehr, zwischen Bund und Uni, oder zwischen dem Universitätsabschluss und dem Einstieg in den Job. Andere verlegen die Traumreise praktischerweise in die Flitterwochen, und schlagen so zwei Fliegen mit einer Klappe. (Wenn es hinterher Nachwuchs gibt waren es sogar drei!) Wieder andere unterbrechen zwischenzeitlich das Studium, nehmen ein Jahr Auszeit vom Job (ein so genanntes „Sabbatical“), oder sie gehören zu den ganz Mutigen und kündigen schlichtweg. Und zu guter letzt gibt es da auch noch die Rentner, die auf ihre alten Tage noch die Welt erkunden. Udo Jürgens hatte Recht! Mit 66 Jahren…
Wer noch vor der Ausbildung steht steckt häufig in einem Dilemma. Man befindet sich in den besten Jahren was körperliche Fitness angeht, ist neugierig, voller Tatendrang und möchte die Welt sehen. Wenn also nicht jetzt, wann dann, fragen sich viele. Dass einem in diesem Alter die Geldscheine nicht bündelweise aus den Taschen quellen ist nebensächlich, das hatte ich weiter oben schon erwähnt. Was einen viel mehr ins Grübeln bringt sind die Vorstellungen des Umfelds.
Zum Einen die Vorurteile gegenüber fremden Ländern, die man aber mit etwas weltoffenem Denken schnell beseitigen kann. Zum Anderen aber die Vorstellungen der meisten Eltern und der Gesellschaft von einem geregelten Leben. Nach der Schule (bzw. Bundeswehr, Zivildienst o.ä.) sollte man doch schließlich schnellstmöglich eine Ausbildung machen und sich dem Ernst des Lebens widmen. Einerseits eine vollkommen überholte Formulierung, denn ohne eine gehörige Portion Humor kommt man heute nicht sehr weit. Andererseits auch eine zum Glück überalterte Vorstellung. Denn wer reist erweitert seinen Geist und seine Aufnahmefähigkeit, wird offen für ungewöhnliche Denkweisen, unkonventionelle Problemlösungen, arbeitet später ruhiger und effektiver, kann mitreißen und motivieren, vertraut aufgrund gemachter Erfahrungen auf die eigenen Fähigkeiten und lässt sich eher auf neue Herausforderungen ein. Selbst im bürokratischen Deutschland hat sich mittlerweile bei vielen Personalchefs herumgesprochen, dass es nicht nur auf das theoretische, mit Stempel und Abschlusszeugnis belegte Wissen ankommt, sondern darauf, wie fest jemand im Leben steht, wie er Situationen einschätzen kann, und welche – auch nicht berufsspezifischen - Erfahrungen er mitbringt.
Und wie könnte man besser solche Erfahrungen machen als durch selbständiges Reisen. Wo sonst lernt man innerhalb kürzester Zeit die unterschiedlichsten Typen und Mentalitäten kennen, wo kommt man öfter in die Situation die verschiedensten Probleme selbständig lösen zu müssen. Und wo sonst kann man derart an eigenen Erfolgen (und auch Misserfolgen) wachsen.
Ich gehe jede Wette ein: wenn ein Personalchef die Wahl zwischen zwei Bewerbern hat, die eine ähnliche Abschlussnote vorweisen können: derjenige mit dem schlechteren Abschluss und einer guten Portion Weltsicht und Menschenkenntnis wird den Streber mit Abschluss in Rekordzeit problemlos übertrumpfen.
Reisen ist keine vergeudete Zeit. Man lernt mit jeder Minute, jedem Kilometer, jedem Gespräch und jedem Problem dazu. Ein Prüfungszertifikat hierfür wäre unbezahlbar.
Ich habe es weiter oben schon einmal geschrieben: Schlau ist nicht der, der alles weiß, sondern der, der das Richtige weiß. Nutzen Sie diese Chance!
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