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Donnerstag, 7. Februar 2013
Zwischen Krieg und Kultur, Maya und Moneten – Mittelamerika
Sie können sich gar nicht vorstellen was man alles zu hören bekommt, wenn man mit diesem Plan an die Öffentlichkeit geht.
„Amerika war toll, als nächstes gehe ich nach Mittelamerika.“
„Bist Du wahnsinnig? Da sind doch die ganzen Drogenver-käufer!... Oder?... Das ist doch da?“ „Ja genau, da ist doch dauernd irgendeine Revolution oder ein Bürgerkrieg.“
„Und im Dschungel lebt lauter giftiges Viechzeug! Das überlebst Du nie!“ „Kann ich dann Deine CD-Sammlung haben?“ „Ich geh schon mal Lösegeld sammeln.“ „Außerdem sind das ja alles Dritte-Welt-Länder. Kriegst Du da überhaupt was zu essen?“
Ich habe es zwar nicht nötig mich ob meiner Reiseziele zu rechtfertigen, trotzdem scheint eine Erklärung für alle Mitglieder der Vorurteilsfraktion angebracht.
Zunächst einmal: die Sache mit den Drogen stimmt zwar zum Teil. Wenn Sie aber als regulärer Reisender – in, sagen wir Guatemala – tatsächlich etwas vom Drogenkrieg mitbekommen sollten, dann haben Sie schon extremes Pech! Wenn Sie nach Einbruch der Dunkelheit in einer deutschen Großstadt am Hauptbahnhof unterwegs sind, sind Sie vermutlich mehr gefährdet, als irgendwo in einem dieser Länder. Mein Tipp für Abenteurer, versuchen Sie Frankfurt, Hamburg oder Mannheim.
Zweitens: streng genommen müsste man zwischen Zentralamerika und Mittelamerika unterscheiden.
Unter Zentralamerika fasst man in der Regel die Staaten Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama zusammen. Das kommt daher, dass diese Staaten (ausgenommen Belize und Panama) nach der Kolonialherrschaft der Spanier die „Zentralamerikanische Konföderation“ bildeten.
Zusammen mit Mexiko und den Karibischen Inseln spricht man dann von Mittelamerika. Aber das nur am Rande, für alle die nicht wissen, von welcher Gegend wir hier sprechen, und für diejenigen, die sich noch etwas eingehender mit der Geschichte dieser Ecke der Welt befassen möchten.
Giftige Tiere – oder solche die es gern wären – haben in der Regel mehr Angst vor dem Menschen als umgekehrt. Die Chance auf entsprechende Exemplare zu treffen ist relativ gering, zumal es Gegenden auf diesem Planeten gibt in denen sich Giftspritzer aller Couleur bei weitem häufiger zum Stammtisch treffen, als die Mittel- und Südamerikanischen Dschungel-gebiete.
Außerdem: was gibt es faszinierenderes als Tiere in freier Wildbahn. Die Dschungelgegenden Mittelamerikas bieten reichlich davon, und Costa Rica beheimatet die höchste Biodiversität überhaupt. Sie können jeden Zoo vergessen, wenn sie einmal ein paar Tage in diesem grünen Paradies verbracht haben. (Der Begriff grüne Hölle ist mir bis heute unbegreiflich. Schließlich kann der Dschungel als solches wohl kaum etwas dafür, dass Menschen meinen, sich dort über den Haufen schießen zu müssen.)
Und wo wir gerade beim Schießen sind. Dieses Argument war tatsächlich nicht ganz fehl am Platze. Als ich 1996 zum ersten Mal in Guatemala war, war das Friedensabkommen, das nach 35 Jahren den Bürgerkrieg beenden sollte, gerade in Kraft getreten. Die Geschichte bewaffneter Auseinandersetzungen in Mittelamerika ist wichtig und hilfreich, wenn man diese Gegend der Welt besucht. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht ins Detail gehen, was den Bürgerkrieg (unter anderem) in Guatemala, seine Verantwortlichen, seine über 200.000 Toten und über eine Million Flüchtlinge angeht. Kriege entstehen meiner Meinung nach fast ohne Ausnahme aufgrund von Dummheit, die sich hinter dem Deckmantel der Politik versteckt. Es gibt genügend Quellen, die sich mit der Geschichte, den Umstürzen, den politischen und wirtschaftlichen Querelen dieses Landes befassen. Machen Sie sich selbst ein Bild.
Tatsache ist: wenn ich heute Berichte über Guatemala lese – Drogen, Kriminalität, Armut, Wirtschaftskrise – dann würde ich aufgrund dieser Informationen bestimmt nicht dort hin fahren. Wenn man aber weiß, dass sich all das größtenteils in der Hauptstadt Guatemala City abspielt (wirklich ein nicht ganz ungefährliches Pflaster), dann kann man das restliche Land entspannt bereisen. Guatemala gehört für mich mit zu den schönsten Ländern die ich (mehrfach) bereist habe. Und die indigene Bevölkerung hat Aufmerksamkeit mehr als nötig!
Ähnliches gilt für Nicaragua. Die Stichworte Contras, Sandinisten, Ortega oder Somoza können die Meisten spontan Nicaragua zuordnen. Hier war es allerdings schon ganze acht Jahre her (1988) dass das Friedensabkommen unterzeichnet war, und 1990 hatten die ersten demokratischen Wahlen stattgefunden. Dennoch hatte ich in Nicaragua damals mehr als irgendwo anders ein seltsames Gefühl. Eine Aura von Misstrauen und Aggression lag in der Luft. Man sollte aber auch hier nicht generell alle Menschen eines Landes, und daraus resultierend alle Länder einer Region über einen Kamm scheren, denn vieles hat sich in der Zwischenzeit geändert. Aber der Reihe nach…
Montag, 21. Januar 2013
Von Hippies, Nazis und Grizzlies
Die amerikanischen Nationalparks erfreuen sich weltweiter Bekanntheit. Es gibt kaum jemanden, der noch nie vom Grand Canyon, oder vom Monument Valley gehört hat. Es mag zwar nicht verwunderlich sein, dass es in einem Land wie den USA Orte gibt, die schwer ohne Auto zu erreichen sind (bzw. ohne jemanden, der einen in seinem Auto ein Stück mitnimmt). Dass in dieser Autofahrernation aber gewisse Orte – bezüglich der Beschilderung – völlig übergangen werden, sorgt dafür schon für einige Verwunderung. Die Rede ist vom Monument Valley. Die Navajo sind – aufgrund weitestgehend bekannter geschichtlicher Begebenheiten – nicht besonders gut auf die Amerikaner im Allgemeinen zu sprechen. Daher haben Sie wohl beschlossen das Monument Valley unter eigener Regie als Nationalpark zu führen, und die erwirtschafteten Einnahmen ebenfalls selbst zu verwalten. Grund genug für die Amerikaner, dieses Naturwunder beschilderungstechnisch totzuschweigen. Gefunden habe ich es aber trotzdem. Oder, besser gesagt, ich habe die mit 150 Meilen am nächsten gelegene Greyhoundstation in Farmington erreicht. Und hier beginnt eine der bizarrsten Tramp-Etappen, an die ich mich erinnern kann.
Ein homosexueller Navajo mit seinem Pick-Up fragt mich nach ein paar Minuten, ob ich mit ihm Cowboy und Indianer spielen möchte. (Ja, es gibt auch schwule Indianer.) Ich lehne freundlich aber bestimmt ab, Thema erledigt, er nimmt mich noch ein Stück mit bevor er abbiegt. An der nächsten Tankstelle mitten in der Prärie gabelt mich ein alter Mexikaner auf. Sein Wagen fällt fast auseinander, ebenso wie sein Mobile Home und die kompletten anderen Wohnwagen in dem Trailerpark zu dem er mich bringt. Er stellt mich seiner kompletten Familie, den zwei Frauen, den sieben Kindern und was weiß ich wem noch alles vor, und ich bekomme etwas zu essen. Die Menschen sind zwar freundlich, und die wüstenartige Landschaft um den „Shiprock“ benannten Felsen traumhaft, trotzdem will ich weiter. Und in dem Moment als ich mich wieder an die Straße stelle muss ich ein Wurmloch durchschritten haben, oder die Zeit um gut 25 Jahre zurückgesprungen sein.
Es hat gut 38 Grad, die Luft flimmert, und die Straße führt endlos gerade aus bis zum Horizont. Und genau aus diesem flimmernden formlosen Streifen inkarniert plötzlich ein monströses Wohnmobil, das irgendwann einmal weiß gewesen sein muss. Die Federung hat wohl schon bessere Zeiten gesehen, das Teil schwankt gemütlich die Straße entlang, und bleibt direkt vor meiner Nase stehen. Die Tür öffnet sich, und aus einer Rauchsäule heraus grinsen mir zwei Augen und eine breite Zahnreihe entgegen. „Wohin?“ „Monument Valley.“ „Peace Bruder, steig ein.“ Gut, die Richtung stimmmte, und alles andere war ja erstmal nebensächlich. Und da war ich: es war 1969, und wir waren auf dem Weg nach Woodstock. Anders kann es nicht gewesen sein. Das ganze Wohnmobil bestand aus Federn, Farben, Glöckchen, Perlen, Greateful Dead Plakaten, zwei Hunden, und drei Hippies.
Ein dicker Kerl (so dick, dass es eigentlich schon zwei waren), komplett in Batikkleidung hinter dem Lenkrad.
Ein drahtiger Mexikaner (die Zähne und die Augen vom Anfang) Marke Speedy Gonzalez, und Aimee. Und was soll ich sagen, Aimee sah aus wie eine Aimee eben aussieht wenn sie auf dem Weg nach Woodstock ist. Schlanke Erscheinung im Batikkleid, vermutlich nichts drunter, po-lange braune Haare mit Blümchen, und Pupillen, bei denen ich nicht wissen wollte in welcher Farbe sie mich gerade wahrnahm.
Der Dampf kam zu einem Teil davon, dass Aimee gerade Rührei mit Speck zubereitete, zum anderen Teil von der imposanten Haschpfeife des Fahrers. Nachdem mir nun Speedy (ich habe keine Ahnung wie er wirklich hieß) seine sämtlichen Kostbarkeiten wie Glaskugeln, Federn, indischen Krimskrams und so weiter gezeigt hatte, die Hunde gefüttert waren, und die beiden Fahrer die eigentlich einer waren (oder anders herum) ihre Pfeife fertig geraucht hatten gab es Rührei und Kaffee für alle.
Ich habe keine Ahnung wie lange ich in dieser Zeitblase des Jahres 1969 festsaß (es hätte gerne noch länger sein dürfen, die drei waren einfach zu genial). Jedenfalls mussten sie irgendwann abbiegen, und ich trat durch die Tür des Wohnmobils hinaus, zurück ins Amerika von heute, nur noch wenige Kilometer vom Monument Valley entfernt.
Können Sie sich erinnern, wie ich weiter vorne in diesem Buch das Reisen mit einem guten Essen verglichen habe? Das hier ist so ein Moment gewesen, der für das ganz besondere Aroma sorgt. Es gibt eine ganze Menge Reiseerlebnisse, an die ich mich erinnern kann, als wäre es gerade eben erst passiert. Dieses gehört ohne Zweifel zu den Favoriten, schon alleine wegen diesen drei ganz speziellen Typen, und der Atmosphäre die sie versprühten.
Und ich war ja immer noch nicht da. Es müssen noch ungefähr 20 Kilometer bis zum Monument Valley gewesen sein. Während ich an der Straße entlanglaufe hält neben mir ein leerer Bus. Die Tür ist wegen der Hitze geöffnet, und der Fahrer – ein Navajo – grinst mich an. Woher ich komme? Deutschland. Er grinst noch mehr. Das Land mit den hübschen Frauen! Wo ich hin will? Monument Valley. Ich soll einsteigen.
Während wir fahren erklärt er mir, dass er mit diesem Bus Touristen morgens ins Valley bringt, und abends wieder zurück zu den Hotels oder Busterminals. Er hätte gleich so eine Ahnung gehabt, dass ich kein Amerikaner sei, denn dann hätte er mich überhaupt nicht mitgenommen, und wenn, dann nur gegen bare Münze. (Hatte ich das Verhältnis der Navajo zu den Amerikanern schon erwähnt? Ich denke doch.) Wir reden und reden, und bis ich es richtig merke fahren wir schon auf die Eingangsschranke zum Valley zu. Ich soll mich klein machen, damit mich sein Kollege draußen nicht sehen kann. Und wieder einmal bin ich umsonst (ohne zu bezahlen, nicht umsonst!) wo hineingekommen. Er zeigt mir wo ich zelten kann und sagt mir wann ich morgen wieder da sein soll, um mit ihm zurück in die nächste Ortschaft zu fahren.
Wieder einmal war ich fast mehr von den Menschen fasziniert, als von der atemberaubenden Landschaft. Ich habe dann aber trotzdem irgendwo etwas in eine Spendenkasse geworfen. Das war es mir wert!
Amerika ist tatsächlich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Vielfalt an Typen, die Weite der Landschaften, die Menge der Erlebnisse die man von dort mitbringt ist unglaublich. Teilweise auch der Mangel an Wissen.
Man hört diese Geschichten immer wieder, und ich konnte es nicht glauben, bis sie auch mir passiert sind. Zum Beispiel die Frage ob Hitler noch lebt, und was er zwischenzeitlich so treibt. Ja, sie wurde mir gestellt! Ob die „German Autobahn“ tatsächlich ein 1000 Kilometer langer Speedstrip von Hamburg nach München ist (gut, dieses Missverständnis sei verziehen). Oder, ob ich wüsste was eine CD ist. Es ist müßig, einem Amerikaner zu erklären, dass die CD in Deutschland entwickelt wurde. Er würde es nicht verstehen.
Ich habe im Gegenzug dazu nicht verstanden, dass es sich bei diesem Land zwar um die weltweite Militärmacht Nummer eins handelt, man aber im Kaufhaus seines Vertrauens immer noch die gute alte Wäschemangel angeboten bekommt.
Ein junger Mann fragte mich an einem Busbahnhof in Kalifornien, wo ich herkomme. Ich sagte, „ungefähr 9000 Kilometer östlich von hier.“ Seine Antwort: „Ach, New York!“
Lachen oder weinen? Ich weiß es nicht.
Aber es gibt auch immer wieder diese Momente, die einem einen wohligen Schauer über den Rücken jagen.
Im Yosemite Nationalpark lief eine Grizzly-Mama mit ihrem Jungen keine 20 Meter von mir entfernt durch den Wald. Nicht ganz ungefährlich, aber dafür unvergesslich. Den Planeten kochen zu sehen, und zu merken, auf was für einem Feuerball man lebt eröffnet im Yellowstone Nationalpark ungeahnte Erkenntnisse. Und wenn dann noch eine ganze Bison-Herde auf Armlänge an einem vorbeizieht, dann hat der Tag einen sicheren Platz in den „Best Moments in Life“. Die vielen Menschen, die mich ohne weiteres in ihren Autos mitgenommen, oder zum Essen eingeladen haben. Diejenigen, auf deren Grundstück ich mein Zelt aufbauen durfte, oder die mich zum Essen eingeladen haben, weil sie meine Geschichte hören wollten.
Die Momente, in denen man das Alleinsein zu schätzen lernt wie damals, als ich nachts mitten in der Wüste von Nevada lag, nur mit dem Schlafsack auf dem Steinboden, und ein Rudel Coyoten postkartenverdächtig den Vollmond anheulte. Den Moment als ich mir nicht sicher war, ob das Ding da über mir nur eine langgezogene Wolke ist, oder tatsächlich die Milchstraße, die sich von einem Horizont zum anderen quer über den ganzen Himmel zieht. Oder der Tag, an dem ich vor Faszination erstarrt eine Stunde fast bewegungslos am Nordrand des Grand Canyon saß, und mich einfach nicht satt sehen konnte.
Es gibt viele solcher Momente, und allein ihre Aufzählung könnte ein ganzes Buch füllen. (Habe ich erzählt, wie ich in Moab / Utah vergeblich nach einem Briefkasten für meine Postkarten gesucht habe? Man erklärte mir, dass die Menschen hier unglaubliche Angst vor Briefbomben hätten, und dass ich meine Ansichtskarten schon direkt zum Postbüro tragen müsse.)
Einige dieser Momente verstecken sich über die Jahre irgendwo im Ablagefach des Langzeitgedächtnisses, um Platz für Neues zu machen. Zum geeigneten Moment kommen sie aber unter Garantie wieder hervorgekrochen.
Da gibt es allerdings etwas worauf mir fast täglich im Fernsehen die Nase gestoßen wird. Haben Sie sich bei den diversen US-Serien nicht auch schon immer gefragt, warum da jeder jeden kennt? Der Sheriff die Ärztin, die Ärztin den Hausmeister der Grundschule, der Hausmeister den Bürgermeister, und der wiederum ist der Liebhaber der Ärztin, die eigentlich mit dem Besitzer des Tante-Emma-Ladens verheiratet ist. Wie realistisch! Nun, es ist tatsächlich so. Sieht man mal von der Handvoll Ballungszentren ab (also Ostküste, Teile der Westküste und die Hochburgen der Automobilindustrie um Detroit), dann leben unsere amerikanischen Freunde in der tiefsten Provinz. Da ist man spießig, fromm und konservativ (zumindest vorne rum), hält die Welt brav für eine Scheibe, und schert sich einen ***** um das, was im Nachbarstaat geschieht.
Orte wie Manhattan, Las Vegas oder Los Angeles geben dem Wahnsinn zwar einen Namen, haben eine unglaubliche Anziehungskraft und einen scheinbar unerschöpflichen Schatz an Superlativen. Trotzdem müssen Sie nicht so weit reisen, nur um ein paar überdimensionierte Leuchtreklamen im Betondschungel zu sehen. Gut, es ist ihre Entscheidung. Mein Antrieb weiterhin auf diese Art zu reisen waren die Menschen die ich getroffen habe, die unglaubliche Weite und der Einfallsreichtum der Natur, und die Möglichkeit alles ganz ungestört zu erleben. Ich hatte mir die Krankheit eingefangen, für die es keine Pille und keine Impfung gibt – das Reisefieber.
Amerika ist vielleicht EIN Land, aber nicht zwingend DAS Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ist die Neugier einmal geweckt, dann steht einem die Welt offen.
Und diese Neugier führte mich als nächstes nach Mittelamerika.
Ein homosexueller Navajo mit seinem Pick-Up fragt mich nach ein paar Minuten, ob ich mit ihm Cowboy und Indianer spielen möchte. (Ja, es gibt auch schwule Indianer.) Ich lehne freundlich aber bestimmt ab, Thema erledigt, er nimmt mich noch ein Stück mit bevor er abbiegt. An der nächsten Tankstelle mitten in der Prärie gabelt mich ein alter Mexikaner auf. Sein Wagen fällt fast auseinander, ebenso wie sein Mobile Home und die kompletten anderen Wohnwagen in dem Trailerpark zu dem er mich bringt. Er stellt mich seiner kompletten Familie, den zwei Frauen, den sieben Kindern und was weiß ich wem noch alles vor, und ich bekomme etwas zu essen. Die Menschen sind zwar freundlich, und die wüstenartige Landschaft um den „Shiprock“ benannten Felsen traumhaft, trotzdem will ich weiter. Und in dem Moment als ich mich wieder an die Straße stelle muss ich ein Wurmloch durchschritten haben, oder die Zeit um gut 25 Jahre zurückgesprungen sein.
Es hat gut 38 Grad, die Luft flimmert, und die Straße führt endlos gerade aus bis zum Horizont. Und genau aus diesem flimmernden formlosen Streifen inkarniert plötzlich ein monströses Wohnmobil, das irgendwann einmal weiß gewesen sein muss. Die Federung hat wohl schon bessere Zeiten gesehen, das Teil schwankt gemütlich die Straße entlang, und bleibt direkt vor meiner Nase stehen. Die Tür öffnet sich, und aus einer Rauchsäule heraus grinsen mir zwei Augen und eine breite Zahnreihe entgegen. „Wohin?“ „Monument Valley.“ „Peace Bruder, steig ein.“ Gut, die Richtung stimmmte, und alles andere war ja erstmal nebensächlich. Und da war ich: es war 1969, und wir waren auf dem Weg nach Woodstock. Anders kann es nicht gewesen sein. Das ganze Wohnmobil bestand aus Federn, Farben, Glöckchen, Perlen, Greateful Dead Plakaten, zwei Hunden, und drei Hippies.
Ein dicker Kerl (so dick, dass es eigentlich schon zwei waren), komplett in Batikkleidung hinter dem Lenkrad.
Ein drahtiger Mexikaner (die Zähne und die Augen vom Anfang) Marke Speedy Gonzalez, und Aimee. Und was soll ich sagen, Aimee sah aus wie eine Aimee eben aussieht wenn sie auf dem Weg nach Woodstock ist. Schlanke Erscheinung im Batikkleid, vermutlich nichts drunter, po-lange braune Haare mit Blümchen, und Pupillen, bei denen ich nicht wissen wollte in welcher Farbe sie mich gerade wahrnahm.
Der Dampf kam zu einem Teil davon, dass Aimee gerade Rührei mit Speck zubereitete, zum anderen Teil von der imposanten Haschpfeife des Fahrers. Nachdem mir nun Speedy (ich habe keine Ahnung wie er wirklich hieß) seine sämtlichen Kostbarkeiten wie Glaskugeln, Federn, indischen Krimskrams und so weiter gezeigt hatte, die Hunde gefüttert waren, und die beiden Fahrer die eigentlich einer waren (oder anders herum) ihre Pfeife fertig geraucht hatten gab es Rührei und Kaffee für alle.
Ich habe keine Ahnung wie lange ich in dieser Zeitblase des Jahres 1969 festsaß (es hätte gerne noch länger sein dürfen, die drei waren einfach zu genial). Jedenfalls mussten sie irgendwann abbiegen, und ich trat durch die Tür des Wohnmobils hinaus, zurück ins Amerika von heute, nur noch wenige Kilometer vom Monument Valley entfernt.
Können Sie sich erinnern, wie ich weiter vorne in diesem Buch das Reisen mit einem guten Essen verglichen habe? Das hier ist so ein Moment gewesen, der für das ganz besondere Aroma sorgt. Es gibt eine ganze Menge Reiseerlebnisse, an die ich mich erinnern kann, als wäre es gerade eben erst passiert. Dieses gehört ohne Zweifel zu den Favoriten, schon alleine wegen diesen drei ganz speziellen Typen, und der Atmosphäre die sie versprühten.
Und ich war ja immer noch nicht da. Es müssen noch ungefähr 20 Kilometer bis zum Monument Valley gewesen sein. Während ich an der Straße entlanglaufe hält neben mir ein leerer Bus. Die Tür ist wegen der Hitze geöffnet, und der Fahrer – ein Navajo – grinst mich an. Woher ich komme? Deutschland. Er grinst noch mehr. Das Land mit den hübschen Frauen! Wo ich hin will? Monument Valley. Ich soll einsteigen.
Während wir fahren erklärt er mir, dass er mit diesem Bus Touristen morgens ins Valley bringt, und abends wieder zurück zu den Hotels oder Busterminals. Er hätte gleich so eine Ahnung gehabt, dass ich kein Amerikaner sei, denn dann hätte er mich überhaupt nicht mitgenommen, und wenn, dann nur gegen bare Münze. (Hatte ich das Verhältnis der Navajo zu den Amerikanern schon erwähnt? Ich denke doch.) Wir reden und reden, und bis ich es richtig merke fahren wir schon auf die Eingangsschranke zum Valley zu. Ich soll mich klein machen, damit mich sein Kollege draußen nicht sehen kann. Und wieder einmal bin ich umsonst (ohne zu bezahlen, nicht umsonst!) wo hineingekommen. Er zeigt mir wo ich zelten kann und sagt mir wann ich morgen wieder da sein soll, um mit ihm zurück in die nächste Ortschaft zu fahren.
Wieder einmal war ich fast mehr von den Menschen fasziniert, als von der atemberaubenden Landschaft. Ich habe dann aber trotzdem irgendwo etwas in eine Spendenkasse geworfen. Das war es mir wert!
Amerika ist tatsächlich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Vielfalt an Typen, die Weite der Landschaften, die Menge der Erlebnisse die man von dort mitbringt ist unglaublich. Teilweise auch der Mangel an Wissen.
Man hört diese Geschichten immer wieder, und ich konnte es nicht glauben, bis sie auch mir passiert sind. Zum Beispiel die Frage ob Hitler noch lebt, und was er zwischenzeitlich so treibt. Ja, sie wurde mir gestellt! Ob die „German Autobahn“ tatsächlich ein 1000 Kilometer langer Speedstrip von Hamburg nach München ist (gut, dieses Missverständnis sei verziehen). Oder, ob ich wüsste was eine CD ist. Es ist müßig, einem Amerikaner zu erklären, dass die CD in Deutschland entwickelt wurde. Er würde es nicht verstehen.
Ich habe im Gegenzug dazu nicht verstanden, dass es sich bei diesem Land zwar um die weltweite Militärmacht Nummer eins handelt, man aber im Kaufhaus seines Vertrauens immer noch die gute alte Wäschemangel angeboten bekommt.
Ein junger Mann fragte mich an einem Busbahnhof in Kalifornien, wo ich herkomme. Ich sagte, „ungefähr 9000 Kilometer östlich von hier.“ Seine Antwort: „Ach, New York!“
Lachen oder weinen? Ich weiß es nicht.
Aber es gibt auch immer wieder diese Momente, die einem einen wohligen Schauer über den Rücken jagen.
Im Yosemite Nationalpark lief eine Grizzly-Mama mit ihrem Jungen keine 20 Meter von mir entfernt durch den Wald. Nicht ganz ungefährlich, aber dafür unvergesslich. Den Planeten kochen zu sehen, und zu merken, auf was für einem Feuerball man lebt eröffnet im Yellowstone Nationalpark ungeahnte Erkenntnisse. Und wenn dann noch eine ganze Bison-Herde auf Armlänge an einem vorbeizieht, dann hat der Tag einen sicheren Platz in den „Best Moments in Life“. Die vielen Menschen, die mich ohne weiteres in ihren Autos mitgenommen, oder zum Essen eingeladen haben. Diejenigen, auf deren Grundstück ich mein Zelt aufbauen durfte, oder die mich zum Essen eingeladen haben, weil sie meine Geschichte hören wollten.
Die Momente, in denen man das Alleinsein zu schätzen lernt wie damals, als ich nachts mitten in der Wüste von Nevada lag, nur mit dem Schlafsack auf dem Steinboden, und ein Rudel Coyoten postkartenverdächtig den Vollmond anheulte. Den Moment als ich mir nicht sicher war, ob das Ding da über mir nur eine langgezogene Wolke ist, oder tatsächlich die Milchstraße, die sich von einem Horizont zum anderen quer über den ganzen Himmel zieht. Oder der Tag, an dem ich vor Faszination erstarrt eine Stunde fast bewegungslos am Nordrand des Grand Canyon saß, und mich einfach nicht satt sehen konnte.
Es gibt viele solcher Momente, und allein ihre Aufzählung könnte ein ganzes Buch füllen. (Habe ich erzählt, wie ich in Moab / Utah vergeblich nach einem Briefkasten für meine Postkarten gesucht habe? Man erklärte mir, dass die Menschen hier unglaubliche Angst vor Briefbomben hätten, und dass ich meine Ansichtskarten schon direkt zum Postbüro tragen müsse.)
Einige dieser Momente verstecken sich über die Jahre irgendwo im Ablagefach des Langzeitgedächtnisses, um Platz für Neues zu machen. Zum geeigneten Moment kommen sie aber unter Garantie wieder hervorgekrochen.
Da gibt es allerdings etwas worauf mir fast täglich im Fernsehen die Nase gestoßen wird. Haben Sie sich bei den diversen US-Serien nicht auch schon immer gefragt, warum da jeder jeden kennt? Der Sheriff die Ärztin, die Ärztin den Hausmeister der Grundschule, der Hausmeister den Bürgermeister, und der wiederum ist der Liebhaber der Ärztin, die eigentlich mit dem Besitzer des Tante-Emma-Ladens verheiratet ist. Wie realistisch! Nun, es ist tatsächlich so. Sieht man mal von der Handvoll Ballungszentren ab (also Ostküste, Teile der Westküste und die Hochburgen der Automobilindustrie um Detroit), dann leben unsere amerikanischen Freunde in der tiefsten Provinz. Da ist man spießig, fromm und konservativ (zumindest vorne rum), hält die Welt brav für eine Scheibe, und schert sich einen ***** um das, was im Nachbarstaat geschieht.
Orte wie Manhattan, Las Vegas oder Los Angeles geben dem Wahnsinn zwar einen Namen, haben eine unglaubliche Anziehungskraft und einen scheinbar unerschöpflichen Schatz an Superlativen. Trotzdem müssen Sie nicht so weit reisen, nur um ein paar überdimensionierte Leuchtreklamen im Betondschungel zu sehen. Gut, es ist ihre Entscheidung. Mein Antrieb weiterhin auf diese Art zu reisen waren die Menschen die ich getroffen habe, die unglaubliche Weite und der Einfallsreichtum der Natur, und die Möglichkeit alles ganz ungestört zu erleben. Ich hatte mir die Krankheit eingefangen, für die es keine Pille und keine Impfung gibt – das Reisefieber.
Amerika ist vielleicht EIN Land, aber nicht zwingend DAS Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ist die Neugier einmal geweckt, dann steht einem die Welt offen.
Und diese Neugier führte mich als nächstes nach Mittelamerika.
Montag, 7. Januar 2013
Wir waren ja gerade bei Gefahrensituationen...
Wo wir gerade bei Gefahrensituationen sind: woran erinnert Sie die Bezeichnung „vorausschauendes Fahren“?
Mich erinnert das immer an meine Führerscheinstunden. Damals hat mir mein Fahrerlehrer erklärt, dass es wichtig ist, nicht nur den Verkehr direkt vor der eigenen Motorhaube zu beobachten, sondern auch den weiter vorne.
Nun, in Kalifornien habe ich gelernt, dass es auch so etwas wie „vorausschauenden Zeltbau“ gibt.
Ich hatte zwei Tage in Santa Barbara verbracht, und war auf dem Weg weiter Richtung Monterey. Heute baue ich mein Zelt oder meine Hängematte meistens irgendwo an einem unbeobachteten Fleck im Grünen auf, damals (schließlich stand ich am Anfang meiner ersten großen Reise) habe ich noch brav nach Campingplätzen gesucht. So auch auf der Zwischenstation in einer Ortschaft Namens Pismo Beach, einem Surfer El Dorado, wie man mir sagte. Der Campingplatz war völlig überbelegt, keine Chance mehr für mein kleines Kuppelzelt. Allerdings ist es in Pismo Beach erlaubt, am Strand zu zelten, und das hat durchaus seinen Reiz. Wäre da nur nicht die Tatsache, dass es nachts um zehn bei fast völliger Dunkelheit extreme Schwierigkeiten macht, ein Zelt so aufzubauen, dass es nicht völlig versandet! Ich hätte in dieser Nacht wohl auf weniger Sand gebissen, wenn ich einfach nur in meinen Schlafsack übernachtet hätte. Allerdings hätte ich bestimmt auch noch nassere Füße bekommen! Ein Nachteil der vielen Urlaube am Gardasee war, dass ich von Gezeiten und Tidenhub so viel Ahnung hatte wie ein Pinguin vom Tennisspielen. Fasziniert vom menschenleeren Strand und der Weite des Ozeans baute ich mein Zelt keine fünf Meter vom Wasser entfernt auf.
Sie können sich denken was kommt. Als ich am nächsten Morgen langsam aus meinen sandigen Träumen erwachte, stand das Wasser schon im Vorzelt und war dabei, meine Schuhe zu putzen. Hätte ich mein Zelt nur einen Meter weiter westlich aufgebaut – die Träume wären nicht nur sandig, sondern extrem feucht geworden.
Ich hatte nur Glück, dass der tote Seelöwenbulle ein paar Meter weiter nicht auch noch in mein Zelt gespült wurde. Der Geruch macht nicht wirklich Lust auf Frühstück.
Wenn Sie also zu den Gezeiten-Unerfahrenen gehören, dann wissen Sie jetzt, was ich mit „vorausschauendem Zeltbau“ meine.
Das Frühstück gab es übrigens trotzdem. Ein Mann hat mir vor seiner Haustür eine Tasse Kaffee angeboten, und während wir über seinen letzten Aufenthalt in Europa geplaudert haben hat mich seine Nachbarin mit frischen Erdbeeren versorgt. Wenn Amerikaner nicht gerade irgendwelche Vorschriften beachten müssen, sind sie unglaublich freundlich – auch wenn sie einen am nächsten Tag schon wieder vergessen haben.
Was ich nie vergessen werde, das ist mein Aufenthalt in San Francisco. Zum Einen, weil es für meine Begriffe wirklich eine der schönsten US-amerikanischen Städte ist. Durch die hügelige Landschaft wirkt die Stadt nicht ganz so künstlich angelegt wie viele andere, es gibt viele unterschiedliche Viertel, eine wunderschöne Umgebung, und die Menschen sind – so habe ich es jedenfalls in Erinnerung – großartig. Noch tiefere Eindrücke (im wahrsten Sinne des Wortes) hat aber der Wunsch hinterlassen, aus den USA echte Cowboystiefel mitzubringen. Wobei das Finden des richtigen Ladens und der eigentliche Kauf wirklich das Geringste waren. Ich hatte mir aber in den Kopf gesetzt, die neuen Treter ausgerechnet in der hügeligsten Stadt der USA einzulaufen! Wer schon einmal Cowboystiefel eingelaufen hat kann sich vorstellen, dass meine Füße und Zehen nach einem kompletten Wandertag durch San Fran am Abend ganz schön geschunden waren. Gut, so viel Dummheit gehört aber auch bestraft.
Für den Weg zum San Francisco Brewhouse in der Nähe des Coit Tower (wenn ich mich recht erinnere) habe ich dann doch wieder die bewährten Trekkingstiefel benutzt. Wenn man einem Franken erzählt, dass es in Amerika auch wirklich gutes Bier gibt, dann ist ein Feldversuch geradezu Pflicht, egal wie sehr die Füße schmerzen! Und es hat sich wieder einmal doppelt gelohnt. Einerseits weil das San Francisco Brewhouse dutzende wirklich leckerer Biere aus sämtlichen amerikanischen Staaten anbietet.
Andererseits weil ich gelernt habe nicht alles zu glauben, was man mir erzählt. Und damit meine ich jetzt nicht nur die Aussage „In Amerika gibt´s kein vernünftiges Bier“. Je mehr sie reisen, je mehr sie nachforschen und sich interessieren, umso mehr werden sie feststellen, dass viele gängige Meinungen nur auf Vorurteilen und Missverständnissen beruhen. Denken Sie an die Haie. Alles menschenfressende Bestien, oder? Aber dazu später mehr.
Ach ja, und wo wir gerade bei Bier waren. Es liegt natürlich an Ihnen, sich entsprechenden lokalen Gepflogenheiten anzupassen, oder es zu lassen. Sollten Sie sich aber unwohl fühlen wenn Sie von einem kompletten Restaurant angestarrt werden, dann empfehle ich Ihnen, in Salt Lake City möglichst kein Bier zu bestellen. In der Mormonen-Hauptstadt ist das wohl eher unüblich. Ich habe mein Bier zwar bekommen, allerdings musste der „Barkeeper“ dafür erst diverse Schränke durchsuchen, und konnte sich seinen Nimm-es-und-geh-Blick nur schwer verkneifen. Ich habe diese Begebenheit Jahre später einem befreundeten Amerikaner erzählt. Sein Kommentar: „Wenn Du mit langen Haaren, einem Ohrring, und außerdem unrasiert in Salt Lake City ein Bier bestellst, dann halten die dich womöglich für einen Massenmörder.“ Vorurteile gibt es also überall auf der Welt. Oder anders ausgedrückt: es gibt kulturelle Eigenheiten die einem noch so widersinnig erscheinen mögen. Lieber einmal mehr informiert, und man kommt mit fast jedem gut aus.
Je mehr ich unterwegs war, desto öfter bot sich mir auch die Gelegenheit möglichst sparsam voranzukommen. (Vielleicht gab es diese Gelegenheiten vorher auch schon, ich habe sie nur nicht erkannt.)
Ich wollte zu den Cliff Dwellings auf der Mesa Verde. Uralte Steinbauten auf einem Tafelberg mitten in den Bergen um Durango. Nach Durango zu kommen war Dank Greyhound und mittlerweile ausgereifter Trampererfahrung kein Problem. Was mir mehr Sorgen bereitet hat war die Tatsache, dass in dieser gebirgigen Gegend kaum Menschen, geschweige denn Autos unterwegs waren, mit denen ich die restlichen 60 Kilometer bis zur Mesa Verde überbrücken konnte. Aber auch hier war die Hilfe nicht weit. Im Hostel von Durango lernte ich eine Amerikanerin kennen, die selbst mit dem Auto auf der Durchreise war, und sich am nächsten Tag die Mesa Verde ansehen wollte. Dazu kam, dass Sie versehentlich eine Art Familieneintrittskarte für den Nationalpark gekauft hatte, und mich deshalb umsonst mitgenommen hat. Wir haben den kompletten Tag gemeinsam verbracht, sind durch den Park gewandert, haben Führungen durch die Felsbauten unternommen, und haben am Abend gemeinsam auf einem Felsvorsprung gegessen.
Einziges Problem: sie hatte vergessen mir zu sagen, dass sich 14 Tage vorher ein Stinktier in ihr offen stehendes Auto verirrt hatte, und beim Anblick von so viel weichen Polstern offensichtlich dem Liebesrausch verfallen ist. Es war zwei Wochen her, und im Auto stank es nach wie vor erbärmlich!
Nicht von ungefähr kommt meine Marotte, mein Zelt immer zu schließen, selbst wenn ich mich nur fünf Meter wegbewege.
Einige Wochen später sollte sich das bezahlt machen, als einer dieser schwarzhaarigen Stinker in der Nähe von Carlsbad (hier habe ich die Carlsbad Caverns mit ihrer riesigen Fledermauskolonie besucht) direkt auf mein Zelt zuhielt, sich dann aber für das Nachbarzelt entschied, weil hier der Eingang offen war. Ich habe selten so erfolglos versucht, mir das Lachen zu verkneifen. Sollten Ihre Kinder also wieder mal vergessen haben die Tür zu schließen, versuchen Sie es mit dieser Geschichte.
Mich erinnert das immer an meine Führerscheinstunden. Damals hat mir mein Fahrerlehrer erklärt, dass es wichtig ist, nicht nur den Verkehr direkt vor der eigenen Motorhaube zu beobachten, sondern auch den weiter vorne.
Nun, in Kalifornien habe ich gelernt, dass es auch so etwas wie „vorausschauenden Zeltbau“ gibt.
Ich hatte zwei Tage in Santa Barbara verbracht, und war auf dem Weg weiter Richtung Monterey. Heute baue ich mein Zelt oder meine Hängematte meistens irgendwo an einem unbeobachteten Fleck im Grünen auf, damals (schließlich stand ich am Anfang meiner ersten großen Reise) habe ich noch brav nach Campingplätzen gesucht. So auch auf der Zwischenstation in einer Ortschaft Namens Pismo Beach, einem Surfer El Dorado, wie man mir sagte. Der Campingplatz war völlig überbelegt, keine Chance mehr für mein kleines Kuppelzelt. Allerdings ist es in Pismo Beach erlaubt, am Strand zu zelten, und das hat durchaus seinen Reiz. Wäre da nur nicht die Tatsache, dass es nachts um zehn bei fast völliger Dunkelheit extreme Schwierigkeiten macht, ein Zelt so aufzubauen, dass es nicht völlig versandet! Ich hätte in dieser Nacht wohl auf weniger Sand gebissen, wenn ich einfach nur in meinen Schlafsack übernachtet hätte. Allerdings hätte ich bestimmt auch noch nassere Füße bekommen! Ein Nachteil der vielen Urlaube am Gardasee war, dass ich von Gezeiten und Tidenhub so viel Ahnung hatte wie ein Pinguin vom Tennisspielen. Fasziniert vom menschenleeren Strand und der Weite des Ozeans baute ich mein Zelt keine fünf Meter vom Wasser entfernt auf.
Sie können sich denken was kommt. Als ich am nächsten Morgen langsam aus meinen sandigen Träumen erwachte, stand das Wasser schon im Vorzelt und war dabei, meine Schuhe zu putzen. Hätte ich mein Zelt nur einen Meter weiter westlich aufgebaut – die Träume wären nicht nur sandig, sondern extrem feucht geworden.
Ich hatte nur Glück, dass der tote Seelöwenbulle ein paar Meter weiter nicht auch noch in mein Zelt gespült wurde. Der Geruch macht nicht wirklich Lust auf Frühstück.
Wenn Sie also zu den Gezeiten-Unerfahrenen gehören, dann wissen Sie jetzt, was ich mit „vorausschauendem Zeltbau“ meine.
Das Frühstück gab es übrigens trotzdem. Ein Mann hat mir vor seiner Haustür eine Tasse Kaffee angeboten, und während wir über seinen letzten Aufenthalt in Europa geplaudert haben hat mich seine Nachbarin mit frischen Erdbeeren versorgt. Wenn Amerikaner nicht gerade irgendwelche Vorschriften beachten müssen, sind sie unglaublich freundlich – auch wenn sie einen am nächsten Tag schon wieder vergessen haben.
Was ich nie vergessen werde, das ist mein Aufenthalt in San Francisco. Zum Einen, weil es für meine Begriffe wirklich eine der schönsten US-amerikanischen Städte ist. Durch die hügelige Landschaft wirkt die Stadt nicht ganz so künstlich angelegt wie viele andere, es gibt viele unterschiedliche Viertel, eine wunderschöne Umgebung, und die Menschen sind – so habe ich es jedenfalls in Erinnerung – großartig. Noch tiefere Eindrücke (im wahrsten Sinne des Wortes) hat aber der Wunsch hinterlassen, aus den USA echte Cowboystiefel mitzubringen. Wobei das Finden des richtigen Ladens und der eigentliche Kauf wirklich das Geringste waren. Ich hatte mir aber in den Kopf gesetzt, die neuen Treter ausgerechnet in der hügeligsten Stadt der USA einzulaufen! Wer schon einmal Cowboystiefel eingelaufen hat kann sich vorstellen, dass meine Füße und Zehen nach einem kompletten Wandertag durch San Fran am Abend ganz schön geschunden waren. Gut, so viel Dummheit gehört aber auch bestraft.
Für den Weg zum San Francisco Brewhouse in der Nähe des Coit Tower (wenn ich mich recht erinnere) habe ich dann doch wieder die bewährten Trekkingstiefel benutzt. Wenn man einem Franken erzählt, dass es in Amerika auch wirklich gutes Bier gibt, dann ist ein Feldversuch geradezu Pflicht, egal wie sehr die Füße schmerzen! Und es hat sich wieder einmal doppelt gelohnt. Einerseits weil das San Francisco Brewhouse dutzende wirklich leckerer Biere aus sämtlichen amerikanischen Staaten anbietet.
Andererseits weil ich gelernt habe nicht alles zu glauben, was man mir erzählt. Und damit meine ich jetzt nicht nur die Aussage „In Amerika gibt´s kein vernünftiges Bier“. Je mehr sie reisen, je mehr sie nachforschen und sich interessieren, umso mehr werden sie feststellen, dass viele gängige Meinungen nur auf Vorurteilen und Missverständnissen beruhen. Denken Sie an die Haie. Alles menschenfressende Bestien, oder? Aber dazu später mehr.
Ach ja, und wo wir gerade bei Bier waren. Es liegt natürlich an Ihnen, sich entsprechenden lokalen Gepflogenheiten anzupassen, oder es zu lassen. Sollten Sie sich aber unwohl fühlen wenn Sie von einem kompletten Restaurant angestarrt werden, dann empfehle ich Ihnen, in Salt Lake City möglichst kein Bier zu bestellen. In der Mormonen-Hauptstadt ist das wohl eher unüblich. Ich habe mein Bier zwar bekommen, allerdings musste der „Barkeeper“ dafür erst diverse Schränke durchsuchen, und konnte sich seinen Nimm-es-und-geh-Blick nur schwer verkneifen. Ich habe diese Begebenheit Jahre später einem befreundeten Amerikaner erzählt. Sein Kommentar: „Wenn Du mit langen Haaren, einem Ohrring, und außerdem unrasiert in Salt Lake City ein Bier bestellst, dann halten die dich womöglich für einen Massenmörder.“ Vorurteile gibt es also überall auf der Welt. Oder anders ausgedrückt: es gibt kulturelle Eigenheiten die einem noch so widersinnig erscheinen mögen. Lieber einmal mehr informiert, und man kommt mit fast jedem gut aus.
Je mehr ich unterwegs war, desto öfter bot sich mir auch die Gelegenheit möglichst sparsam voranzukommen. (Vielleicht gab es diese Gelegenheiten vorher auch schon, ich habe sie nur nicht erkannt.)
Ich wollte zu den Cliff Dwellings auf der Mesa Verde. Uralte Steinbauten auf einem Tafelberg mitten in den Bergen um Durango. Nach Durango zu kommen war Dank Greyhound und mittlerweile ausgereifter Trampererfahrung kein Problem. Was mir mehr Sorgen bereitet hat war die Tatsache, dass in dieser gebirgigen Gegend kaum Menschen, geschweige denn Autos unterwegs waren, mit denen ich die restlichen 60 Kilometer bis zur Mesa Verde überbrücken konnte. Aber auch hier war die Hilfe nicht weit. Im Hostel von Durango lernte ich eine Amerikanerin kennen, die selbst mit dem Auto auf der Durchreise war, und sich am nächsten Tag die Mesa Verde ansehen wollte. Dazu kam, dass Sie versehentlich eine Art Familieneintrittskarte für den Nationalpark gekauft hatte, und mich deshalb umsonst mitgenommen hat. Wir haben den kompletten Tag gemeinsam verbracht, sind durch den Park gewandert, haben Führungen durch die Felsbauten unternommen, und haben am Abend gemeinsam auf einem Felsvorsprung gegessen.
Einziges Problem: sie hatte vergessen mir zu sagen, dass sich 14 Tage vorher ein Stinktier in ihr offen stehendes Auto verirrt hatte, und beim Anblick von so viel weichen Polstern offensichtlich dem Liebesrausch verfallen ist. Es war zwei Wochen her, und im Auto stank es nach wie vor erbärmlich!
Nicht von ungefähr kommt meine Marotte, mein Zelt immer zu schließen, selbst wenn ich mich nur fünf Meter wegbewege.
Einige Wochen später sollte sich das bezahlt machen, als einer dieser schwarzhaarigen Stinker in der Nähe von Carlsbad (hier habe ich die Carlsbad Caverns mit ihrer riesigen Fledermauskolonie besucht) direkt auf mein Zelt zuhielt, sich dann aber für das Nachbarzelt entschied, weil hier der Eingang offen war. Ich habe selten so erfolglos versucht, mir das Lachen zu verkneifen. Sollten Ihre Kinder also wieder mal vergessen haben die Tür zu schließen, versuchen Sie es mit dieser Geschichte.
Donnerstag, 27. Dezember 2012
Und weiter geht's in Amerika!
Irgendwie habe ich es dann geschafft, mit dem Greyhound in die richtige Gegend zu kommen, in die kalifornische Wüste, in die Gegend von Indio und 29 Palms. Und um es richtig authentisch zu machen musste die nächste Entscheidung getroffen werden: von hier aus wird getrampt. Also: Daumen hoch, und warten was passiert.
Eines gleich vorweg: in den ganzen Jahren ist mir noch in keinem Land etwas Schlimmes beim Trampen passiert. Da mag eine gehörige Portion Glück mit im Spiel gewesen sein, aber ich möchte keine der vielen kuriosen Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, und keine der Gestalten die ich dabei kennen gelernt habe jemals missen.
Alleine in der Gegend um 29 Palms konnte ich in dieser Beziehung schon eine recht interessante Kuriositätensammlung eröffnen. Auf den ersten Kilometern konnte ich bereits die Erfahrung machen, dass es nichts Ungewöhnliches ist völlig ungesichert auf der offenen Ladefläche eines Pick-Up zu sitzen. Es ist schon ein besonderes Gefühl von Freiheit, wenn man – mit dem Rucksack neben dran – auf diesem von der Sonne aufgeheizten Blech sitzt, und sich den heißen Fahrtwind aus der Wüste um die Nase wehen lässt. Zumal die Gegend um 29 Palms mit ihren tausenden von Windkrafträdern mitten im Wüstensand eine eigenartige Atmosphäre verbreitet. Natur und Zivilisation bilden hier ein seltsames Zusammenspiel.
Leider ist dieser Anblick nicht faszinierend genug um zu vergessen, das einem auf der glühend heißen Ladefläche so langsam der Hintern gar wird, und man erste unfreiwillige Grillstreifen an empfindlichsten stellen bekommt! Zum Glück kann man einen Rucksack auch als Sitzgelegenheit verwenden.
Mein nächster Chauffeur war ein reicher Säufer mit einem Monster von einem Pick-Up Marke Spritfresser mit Goldkante. Dieses Mal durfte ich vorne sitzen, und konnte dadurch so einiges über die Gegend erfahren. Hier befinden sich mehrere Dutzend (wenn nicht sogar hundert) Golfplätze. Mein Fahrer war wohl so etwas wie ein Golfplatzbauer. Ein Job, der offensichtlich gutes Geld bringt, denn sogar der goldene Flachmann der regelmäßig zum Einsatz kam dürfte teurer gewesen sein, also so manche Monatsmiete für ein Mittelklasseapartment in einer deutschen Großstadt.
Auch das Rentnerehepaar, das mich später aufgabelte und mit seinem Mietwagen durch den Park gekarrt hat war einfach zu nett! (Und vermutlich lebensrettend waren Sie außerdem. Der nächste Campingplatz war einige Meilen entfernt, und dort gab es – wie mir das Schild sagte – keine Wasserstelle! Wieder was gelernt: niemals ohne Wasser auf Tour gehen!)
Und dann gab es noch die Lady in ihrem Geländewagen, die mich nach einer halben Stunde Wartezeit am Rande der Straße aufgesammelt hat. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die Dame einfach nur an übersteigertem Selbstbewusstsein gelitten hat. Jedenfalls stellte sie sich mir als Betty Bottoms vor, und behauptete die Mutter des Schauspielers Timothy Bottoms zu sein. Man kennt Ihn aus diversen Hollywoodstreifen, und Mama Bottoms bot mir an in ihrer Villa ganz in der Nähe zu übernachten. Sie wollte mir sogar für den nächsten Tag ein Auto leihen, damit ich die Gegend erkunden könne. Damals habe ich (wohl aus Vorsicht, Schüchternheit, und weil ich weiter wollte) abgelehnt. Heute würde ich sofort zusagen. Solche Menschen sind Gold wert.
Während meiner ganzen dreimonatigen Reise durch die Staaten musste ich beim trampen übrigens niemals länger als eine halbe Stunde auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten. Und wie sie bis jetzt sicherlich schon gemerkt haben, jede Minute Wartezeit hat sich mehr als gelohnt. Nicht nur, dass ich innerhalb kürzester Zeit die unterschiedlichsten Menschen und Fahrstile kennen gelernt habe, auch meine Art auf Menschen zuzugehen hat sich in dieser kurzen Zeit sehr verändert. Ich habe gelernt in Gesichtern und Gesten zu lesen, einzuschätzen, ob Menschen vertrauenswürdig sind oder nicht, zu merken, ob man ein Angebot besser akzeptiert oder ablehnt.
Natürlich muss einem klar sein, dass das nicht immer funktioniert. Verbrecher sehen nun mal nur in Mickey Mouse Heften aus wie Verbrecher. Aber diese neue Fähigkeit lässt sich schließlich nicht nur beim Reisen in fernen Ländern, sondern auch beim alltäglichen Miteinander zu Hause und im Beruf anwenden. Möglicherweise auch beim ersten Zusammentreffen mit der zukünftigen Schwiegermutter.
Ach, wo wir gerade bei Schwiegermüttern sind: um eine ganz spezielle Gefahrensituation geht's beim nächsten mal!
Eines gleich vorweg: in den ganzen Jahren ist mir noch in keinem Land etwas Schlimmes beim Trampen passiert. Da mag eine gehörige Portion Glück mit im Spiel gewesen sein, aber ich möchte keine der vielen kuriosen Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, und keine der Gestalten die ich dabei kennen gelernt habe jemals missen.
Alleine in der Gegend um 29 Palms konnte ich in dieser Beziehung schon eine recht interessante Kuriositätensammlung eröffnen. Auf den ersten Kilometern konnte ich bereits die Erfahrung machen, dass es nichts Ungewöhnliches ist völlig ungesichert auf der offenen Ladefläche eines Pick-Up zu sitzen. Es ist schon ein besonderes Gefühl von Freiheit, wenn man – mit dem Rucksack neben dran – auf diesem von der Sonne aufgeheizten Blech sitzt, und sich den heißen Fahrtwind aus der Wüste um die Nase wehen lässt. Zumal die Gegend um 29 Palms mit ihren tausenden von Windkrafträdern mitten im Wüstensand eine eigenartige Atmosphäre verbreitet. Natur und Zivilisation bilden hier ein seltsames Zusammenspiel.
Leider ist dieser Anblick nicht faszinierend genug um zu vergessen, das einem auf der glühend heißen Ladefläche so langsam der Hintern gar wird, und man erste unfreiwillige Grillstreifen an empfindlichsten stellen bekommt! Zum Glück kann man einen Rucksack auch als Sitzgelegenheit verwenden.
Mein nächster Chauffeur war ein reicher Säufer mit einem Monster von einem Pick-Up Marke Spritfresser mit Goldkante. Dieses Mal durfte ich vorne sitzen, und konnte dadurch so einiges über die Gegend erfahren. Hier befinden sich mehrere Dutzend (wenn nicht sogar hundert) Golfplätze. Mein Fahrer war wohl so etwas wie ein Golfplatzbauer. Ein Job, der offensichtlich gutes Geld bringt, denn sogar der goldene Flachmann der regelmäßig zum Einsatz kam dürfte teurer gewesen sein, also so manche Monatsmiete für ein Mittelklasseapartment in einer deutschen Großstadt.
Auch das Rentnerehepaar, das mich später aufgabelte und mit seinem Mietwagen durch den Park gekarrt hat war einfach zu nett! (Und vermutlich lebensrettend waren Sie außerdem. Der nächste Campingplatz war einige Meilen entfernt, und dort gab es – wie mir das Schild sagte – keine Wasserstelle! Wieder was gelernt: niemals ohne Wasser auf Tour gehen!)
Und dann gab es noch die Lady in ihrem Geländewagen, die mich nach einer halben Stunde Wartezeit am Rande der Straße aufgesammelt hat. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die Dame einfach nur an übersteigertem Selbstbewusstsein gelitten hat. Jedenfalls stellte sie sich mir als Betty Bottoms vor, und behauptete die Mutter des Schauspielers Timothy Bottoms zu sein. Man kennt Ihn aus diversen Hollywoodstreifen, und Mama Bottoms bot mir an in ihrer Villa ganz in der Nähe zu übernachten. Sie wollte mir sogar für den nächsten Tag ein Auto leihen, damit ich die Gegend erkunden könne. Damals habe ich (wohl aus Vorsicht, Schüchternheit, und weil ich weiter wollte) abgelehnt. Heute würde ich sofort zusagen. Solche Menschen sind Gold wert.
Während meiner ganzen dreimonatigen Reise durch die Staaten musste ich beim trampen übrigens niemals länger als eine halbe Stunde auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten. Und wie sie bis jetzt sicherlich schon gemerkt haben, jede Minute Wartezeit hat sich mehr als gelohnt. Nicht nur, dass ich innerhalb kürzester Zeit die unterschiedlichsten Menschen und Fahrstile kennen gelernt habe, auch meine Art auf Menschen zuzugehen hat sich in dieser kurzen Zeit sehr verändert. Ich habe gelernt in Gesichtern und Gesten zu lesen, einzuschätzen, ob Menschen vertrauenswürdig sind oder nicht, zu merken, ob man ein Angebot besser akzeptiert oder ablehnt.
Natürlich muss einem klar sein, dass das nicht immer funktioniert. Verbrecher sehen nun mal nur in Mickey Mouse Heften aus wie Verbrecher. Aber diese neue Fähigkeit lässt sich schließlich nicht nur beim Reisen in fernen Ländern, sondern auch beim alltäglichen Miteinander zu Hause und im Beruf anwenden. Möglicherweise auch beim ersten Zusammentreffen mit der zukünftigen Schwiegermutter.
Ach, wo wir gerade bei Schwiegermüttern sind: um eine ganz spezielle Gefahrensituation geht's beim nächsten mal!
Dienstag, 11. Dezember 2012
Dann fangen wir mal an zu reisen!
Unbegrenzte Möglichkeiten, oder möglichst beschränkt – die USA
Es war Juli 1994, ich hatte Abitur und Wehrdienst hinter mir, und das Studium noch vor mir. Und beim Bund war ich nur aus einem Grund: die Wehrpflicht (die damals noch zwölf Monate betrug) war drei Monate kürzer als der Zivildienst. Dadurch konnte ich zwischen dem Dienst für Papa Staat und dem Studium ganze drei Monate für mich herausschinden. Und die sollten dafür verwendet werden, um meinen ersten großen, selbst bestimmten Trip in die Welt der Rucksackabenteuer zu unternehmen. Vieles von dem, was ich weiter vorne in diesem Buch geschrieben habe wusste ich noch nicht. Eines allerdings war mir klar: das Ganze ist ein Experiment. Was also tun, wenn mir das Leben als Backpacker so überhaupt nicht liegt? Daraus ergab sich folgende Überlegung:
Du brauchst ein Land, in dem du zum Einen die grenzenlose Weite genießen kannst, aber zur Not auch schnell wieder in den Armen der Zivilisation liegen kannst. Und es sollte ein Land sein, in dem ich problemlos kommunizieren kann – also bevorzugt englischsprachig.
Große Weite + Englisch = Amerika!
Die Gleichung machte Sinn. Also begann ich meine Rucksacklaufbahn im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Und wie immer beim ersten Mal bleibt einem vieles detaillierter in Erinnerung, als bei vielen späteren Erlebnissen. Die Fahrt zum Flughafen, der Flug über Grönland – diesen riesigen Haufen Eis – bei strahlendem Sonnenschein, die Landung in Los Angeles, und die endlos scheinende Fahrt mit dem Bus zur gebuchten Jugendherberge. Für die erste Nacht hatte ich mir ein Bett von Deutschland aus reserviert, um auf Nummer sicher zu gehen. Wie sich herausstellte der erste Fehler, denn es hätte jede Menge günstigerer Unterkünfte in nähren Gefilden gegeben. Aber das war halb so schlimm.
So konnte ich wenigstens gleich (vom Linienbus aus) die ersten Eindrücke von amerikanischen Städten gewinnen, und in meinem mentalen Notizbuch vermerken, dass die Staaten offenbar nicht nur ein Quell von steter Freude und Überfluss sind. Heruntergekommene Vorstadtbezirke und Rotten ungewaschener Biker mit dem Waffenarsenal für den kleinen Straßenschläger können einem den ersten Eindruck ganz schön versauen! Und der Busfahrer hatte von der übertriebenen Freundlichkeit der Angestellten im amerikanischen Dienstleistungsgewerbe garantiert auch noch nichts gehört. „Stand behind the line“, oder „Don´t talk to the driver“ waren dann auch nur ein paar der Schilder, die mir in dem Bus sofort sagten, wo es hier langgeht. Wo in Deutschland ein simples Parkverbotsschild seinen Dienst verrichtet, steht in den USA ein Schild mit dem netten Text „Don´t even think of parking here!“, also: „denken Sie nicht mal dran hier zu parken“.
Daneben Schilder, die auf das Verbot von Alkohol in der Öffentlichkeit hinweisen, und solche die einem sagen, zu welchen Uhrzeiten man die – großspurig als Park bezeichnete – Grünfläche betreten darf, und wann nicht.
War das das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Alle erdenklichen Spinnereien kommen aus den USA, und warum? Mein Eindruck war der: überall dort, wo viele Menschen sind, gibt es ein Übermaß an Verboten. Was tut man also? Man geht in die reichlich vorhandene Natur, in die Gegenden, in denen man keinen Menschen stört, beleidigt, gefährdet, oder sonst irgendwie nervt, und lässt seinen Ideen freien Lauf. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zieht sein Potential also nicht wirklich aus den gegebenen Freiheiten, sondern schlicht aus der grenzenlosen Weite. Wer aus dem Überbevölkerten und verstädterten Europa kommt wird auf jeden Fall allein durch die Tatsache überwältigt sein, dass es hier Flecken gibt, an denen man bis zum Horizont kein Haus, keinen Strommast, keinen Fabrikschornstein, und keine sonst irgendwie geartete Spur von menschlicher Präsenz findet. Und das in dem Land, das uns den Microchip beschert hat.
Jedenfalls hatte ich auf L.A. spontan keine Lust mehr. Außerdem wollte ich ja keinen Betondschungel bereisen, sondern die große Weite erleben. (Los Angeles habe ich übrigens bis heute nicht genau gesehen. Ob das ein Versäumnis ist kann ich nicht beurteilen. Die meisten Amerikaner sehen in dieser Stadt aber offenbar die Inkarnation der Hölle. Gut, sie übertreiben eben gerne, die Amis, und nachdem ich gesehen habe wie viele von Ihnen ihr Leben fristen war mir auch wieder so einiges klar.)
Meine erste Lektion musste ich kurz darauf in San Diego lernen. Ich hatte auf der Straße zwei Mädchen kennen gelernt, die mir Ihr Hostel in der J-Street zeigten. (Dass in den USA ganze Straßenzüge nur mit Buchstaben gekennzeichnet werden war auch eine Erfahrung, aber darum geht es hier nicht. Das Alphabet kennt ja wohl jeder.)
Eine Nacht habe ich dort verbracht, bevor es weiterging. Ich wollte schnellstmöglich in den Joshua Tree Nationalpark.
Man sollte meinen, dass jeder Mensch auf der Welt den Joshua Tree kennt, jenen eigentümlichen Baum, der aussieht wie ein Zwischending aus Palme und Kaktus, der nur in dieser bestimmten Gegend vorkommt. In jedem zweiten Musikvideo ist er mittlerweile zu sehen, -zig Werbefilme für Autos sind hier gedreht worden, und er ziert das Cover des wohl bekanntesten U2-Albums mit dem gleichnamigen Titel.
Komisch also, dass der Mann am Empfang noch nie in seinem Leben von diesem Gewächs, geschweige denn von dem dazugehörigen Nationalpark gehört hatte. („Frag einen Einheimischen“ hab ich mir gedacht, „die kennen sich aus…“)
Und während ich mich noch über die „Ignoranz dieser Amis“ aufregte ist mir etwas aufgefallen. Wenn mich zu Hause ein Tourist nach einer der vielen Sehenswürdigkeiten in meiner Heimatstadt fragen würde – von 90 Prozent hätte ich noch nie gehört. Nicht zu reden von denen, die sich in 100 Kilometern Entfernung befinden. Oft stellt man also doch fest, dass man gar nicht weit fahren muss, um großartige Dinge zu sehen und zu erleben. Oft befinden sie sich direkt vor der eigenen Nase. Die Ironie ist die, dass ich für diese Erkenntnis erst einige 1000 Kilometer weit geflogen bin. (Wobei ich heute noch die These vertrete, dass ich mir die Dinge in meiner näheren Umgebung auch noch ansehen kann, wenn ich alt und gebrechlich bin. Mit 80 Jahren werde ich wohl kaum noch einen Rucksack um die halbe Welt schleppen, auch wenn ich mir das heute wünsche.)
Es war Juli 1994, ich hatte Abitur und Wehrdienst hinter mir, und das Studium noch vor mir. Und beim Bund war ich nur aus einem Grund: die Wehrpflicht (die damals noch zwölf Monate betrug) war drei Monate kürzer als der Zivildienst. Dadurch konnte ich zwischen dem Dienst für Papa Staat und dem Studium ganze drei Monate für mich herausschinden. Und die sollten dafür verwendet werden, um meinen ersten großen, selbst bestimmten Trip in die Welt der Rucksackabenteuer zu unternehmen. Vieles von dem, was ich weiter vorne in diesem Buch geschrieben habe wusste ich noch nicht. Eines allerdings war mir klar: das Ganze ist ein Experiment. Was also tun, wenn mir das Leben als Backpacker so überhaupt nicht liegt? Daraus ergab sich folgende Überlegung:
Du brauchst ein Land, in dem du zum Einen die grenzenlose Weite genießen kannst, aber zur Not auch schnell wieder in den Armen der Zivilisation liegen kannst. Und es sollte ein Land sein, in dem ich problemlos kommunizieren kann – also bevorzugt englischsprachig.
Große Weite + Englisch = Amerika!
Die Gleichung machte Sinn. Also begann ich meine Rucksacklaufbahn im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Und wie immer beim ersten Mal bleibt einem vieles detaillierter in Erinnerung, als bei vielen späteren Erlebnissen. Die Fahrt zum Flughafen, der Flug über Grönland – diesen riesigen Haufen Eis – bei strahlendem Sonnenschein, die Landung in Los Angeles, und die endlos scheinende Fahrt mit dem Bus zur gebuchten Jugendherberge. Für die erste Nacht hatte ich mir ein Bett von Deutschland aus reserviert, um auf Nummer sicher zu gehen. Wie sich herausstellte der erste Fehler, denn es hätte jede Menge günstigerer Unterkünfte in nähren Gefilden gegeben. Aber das war halb so schlimm.
So konnte ich wenigstens gleich (vom Linienbus aus) die ersten Eindrücke von amerikanischen Städten gewinnen, und in meinem mentalen Notizbuch vermerken, dass die Staaten offenbar nicht nur ein Quell von steter Freude und Überfluss sind. Heruntergekommene Vorstadtbezirke und Rotten ungewaschener Biker mit dem Waffenarsenal für den kleinen Straßenschläger können einem den ersten Eindruck ganz schön versauen! Und der Busfahrer hatte von der übertriebenen Freundlichkeit der Angestellten im amerikanischen Dienstleistungsgewerbe garantiert auch noch nichts gehört. „Stand behind the line“, oder „Don´t talk to the driver“ waren dann auch nur ein paar der Schilder, die mir in dem Bus sofort sagten, wo es hier langgeht. Wo in Deutschland ein simples Parkverbotsschild seinen Dienst verrichtet, steht in den USA ein Schild mit dem netten Text „Don´t even think of parking here!“, also: „denken Sie nicht mal dran hier zu parken“.
Daneben Schilder, die auf das Verbot von Alkohol in der Öffentlichkeit hinweisen, und solche die einem sagen, zu welchen Uhrzeiten man die – großspurig als Park bezeichnete – Grünfläche betreten darf, und wann nicht.
War das das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Alle erdenklichen Spinnereien kommen aus den USA, und warum? Mein Eindruck war der: überall dort, wo viele Menschen sind, gibt es ein Übermaß an Verboten. Was tut man also? Man geht in die reichlich vorhandene Natur, in die Gegenden, in denen man keinen Menschen stört, beleidigt, gefährdet, oder sonst irgendwie nervt, und lässt seinen Ideen freien Lauf. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zieht sein Potential also nicht wirklich aus den gegebenen Freiheiten, sondern schlicht aus der grenzenlosen Weite. Wer aus dem Überbevölkerten und verstädterten Europa kommt wird auf jeden Fall allein durch die Tatsache überwältigt sein, dass es hier Flecken gibt, an denen man bis zum Horizont kein Haus, keinen Strommast, keinen Fabrikschornstein, und keine sonst irgendwie geartete Spur von menschlicher Präsenz findet. Und das in dem Land, das uns den Microchip beschert hat.
Jedenfalls hatte ich auf L.A. spontan keine Lust mehr. Außerdem wollte ich ja keinen Betondschungel bereisen, sondern die große Weite erleben. (Los Angeles habe ich übrigens bis heute nicht genau gesehen. Ob das ein Versäumnis ist kann ich nicht beurteilen. Die meisten Amerikaner sehen in dieser Stadt aber offenbar die Inkarnation der Hölle. Gut, sie übertreiben eben gerne, die Amis, und nachdem ich gesehen habe wie viele von Ihnen ihr Leben fristen war mir auch wieder so einiges klar.)
Meine erste Lektion musste ich kurz darauf in San Diego lernen. Ich hatte auf der Straße zwei Mädchen kennen gelernt, die mir Ihr Hostel in der J-Street zeigten. (Dass in den USA ganze Straßenzüge nur mit Buchstaben gekennzeichnet werden war auch eine Erfahrung, aber darum geht es hier nicht. Das Alphabet kennt ja wohl jeder.)
Eine Nacht habe ich dort verbracht, bevor es weiterging. Ich wollte schnellstmöglich in den Joshua Tree Nationalpark.
Man sollte meinen, dass jeder Mensch auf der Welt den Joshua Tree kennt, jenen eigentümlichen Baum, der aussieht wie ein Zwischending aus Palme und Kaktus, der nur in dieser bestimmten Gegend vorkommt. In jedem zweiten Musikvideo ist er mittlerweile zu sehen, -zig Werbefilme für Autos sind hier gedreht worden, und er ziert das Cover des wohl bekanntesten U2-Albums mit dem gleichnamigen Titel.
Komisch also, dass der Mann am Empfang noch nie in seinem Leben von diesem Gewächs, geschweige denn von dem dazugehörigen Nationalpark gehört hatte. („Frag einen Einheimischen“ hab ich mir gedacht, „die kennen sich aus…“)
Und während ich mich noch über die „Ignoranz dieser Amis“ aufregte ist mir etwas aufgefallen. Wenn mich zu Hause ein Tourist nach einer der vielen Sehenswürdigkeiten in meiner Heimatstadt fragen würde – von 90 Prozent hätte ich noch nie gehört. Nicht zu reden von denen, die sich in 100 Kilometern Entfernung befinden. Oft stellt man also doch fest, dass man gar nicht weit fahren muss, um großartige Dinge zu sehen und zu erleben. Oft befinden sie sich direkt vor der eigenen Nase. Die Ironie ist die, dass ich für diese Erkenntnis erst einige 1000 Kilometer weit geflogen bin. (Wobei ich heute noch die These vertrete, dass ich mir die Dinge in meiner näheren Umgebung auch noch ansehen kann, wenn ich alt und gebrechlich bin. Mit 80 Jahren werde ich wohl kaum noch einen Rucksack um die halbe Welt schleppen, auch wenn ich mir das heute wünsche.)
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