Mittwoch, 21. August 2013

Peru

Meine Reise nach Peru fand zu einem Zeitpunkt statt, als man den Inka Trail noch individuell begehen konnte. Mittlerweile ist das leider nicht mehr der Fall. Dieser großartige Weg kann nur noch in organisierten Gruppen begangen werden. 
Das hat zwar den Vorteil, dass man von seinem Tourguide wertvolle Informationen erhält, die einem ansonsten fehlen würden. Es hat aber auch den Nachteil, dass man die Atmosphäre und die grandiosen Ausblicke nicht mehr alleine in Ruhe genießen kann. Die alten, zum Teil noch nicht freigelegten und renovierten Ruinen, das Bergpanorama, die wunderschöne Natur. Mit dem Anwachsen der Tourismus kam es aber offenbar vermehrt zu Vandalismus, und auch zu Überfällen auf Wanderer. 
Dem wollten die Verantwortlichen scheinbar vorbeugen. In gewisser Weise handelt es sich dabei aber auch um ein hausgemachtes Problem, dann man versuchte - und versucht nach wie vor - immer mehr Touristen nach Machu Picchu zu karren. Die etwas Ausdauernderen wandern drei Tage lang über den Inka Trail zu dieser „versteckten Inkastadt“, alle anderen fahren mittlerweile direkt mit dem Bus bis vor die Tür. Bis zu 5000 Besucher werden derzeit täglich in Machu Picchu gezählt. Und die Regierung plant die Installation einer Flutlichtanlage, die den Besuch auch noch Nachts ermöglichen, und die Besucherzahl verdoppeln soll. 

Wissenschaftler sehen darin ein Desaster. Jeder Schritt auf dem Boden von Machu Picchu ist wie ein kleines Erdbeben. Die Steine der Bauwerke sind nicht durch Mörtel oder ein anderes Bindemittel verbunden, sie sind lediglich passgenau aufeinander gestapelt. Die Folgen sind klar: die Gebäude werden früher oder später einstürzen. Geholfen ist damit niemandem. Aber der kurzfristige finanzielle Segen lässt offenbar alle Risiken vergessen.

Peru verfügt über mehr als 200 archäologische Stätten, viele versierte Reisende suchen jetzt schon nach ruhigen und abgelegenen Alternativen. Es gibt sie zu Hauf. Wollen wir hoffen, dass ihnen das Schicksal von Machu Picchu erspart bleibt.
Als ich damals den Treck startete waren an diesem Tag gerade mal 80 Wanderer unterwegs - ich war also alleine, konnte alles auf mich wirken lassen

Und vor allem, ich konnte mein Zelt aufschlagen wo ich wollte. Das war zwar zum damaligen Zeitpunkt auch schon nicht gern gesehen, aber wenn man sich eine versteckte Ecke hinter einer Ruine oder hinter einem Baum im Dschungel suchte, dann war auch das machbar. Und ich wollte all diese Eindrücke einfach alleine auf mich wirken lassen: Dschungel und Schmetterlinge noch auf knapp 3000 Metern Höhe, diese meditative Stille in der man sich einfach fallen lassen kann, die Bauwerke, die seit hunderten von Jahren über die Gipfel der Anden wachen. Und dazu ein selbst gekochtes Süppchen vom Gaskocher, mein Zelt und ein Sonnenuntergang von Gottes Gnaden. Unbeschreiblich!

Ich werde den weiteren Verlauf des Inka Trails hier nicht groß auswalzen. Reiseberichte gibt es genug. Ich denke, Sie können sich meine Faszination wohl vorstellen.
Es gab aber zwei Ereignisse, die erwähnenswert sind.

Zum einen habe ich am zweiten Tag ein Paar aus der Schweiz getroffen. Sie waren frisch verheiratet, und auf Hochzeitsreise. Ich habe es zwar sehr viel später auch nicht anders gemacht, aber zum damaligen Zeitpunkt war einerseits der Gedanke an Heirat für mich noch völlig undiskutabel, zum Anderen bedeutete eine Hochzeitsreise für mich ein schönes Hotelzimmer in der Karibik, ein Himmelbett, Cocktails, Kellner die einem den A**** nachtragen, und ähnliches. Ganz bestimmt gehörte es nicht zu meinen Honeymoon-Vorstellungen einen 15 Kilo schweren Rucksack auf über 4000 Meter zu schleppen und auf Isomatten zu übernachten. 
Nun - offensichtlich hat mich diese Begegnung geprägt. Der Plan der Beiden war es, zunächst sechs Monate mit dem Rucksack durch Südamerika zu Reisen, und danach noch weitere sechs Monae für ein Entwicklungshilfeprojekt in Peru zu arbeiten. Schleppen, Schwitzen und Arbeiten. Nicht Ihre Vorstellung von Flitterwochen? 
Wie gesagt, meine waren es damals auch nicht, und doch sollte es bei mir Jahre später fast genau so ablaufen. Das Einzige was in diesem Moment zählt ist die Tatsache, dass diese beiden Mensch sich mit dem was sie da taten völlig sicher waren. Sie wollten es, gingen in dem Gedanken auf, und konnten sich nichts schöneres vorstellen.

Man sollte sich also doch viel öfter mal die Zeit nehmen und versuchen zu verstehen wie andere Menschen ticken. Man muss ja nicht gleich mit allem konform gehen, aber oftmals stellt man fest, dass man einfach nur zu sehr an eingefahrenen Strukturen festhält, an alten Konventionen und Gewohnheiten, die entweder nicht mehr zeitgemäß sind, oder die einem schlichtweg nicht gut tun und Möglichkeiten unnötig einschränken.
Fragen Sie nach, sein Sie neugierig, wägen Sie ab bevor Sie urteilen. 
Vieles was auf den ersten Blick ungewöhnlich, ja verrückt und komplett abwegig erscheint eröffnet oftmals neue, großartige Möglichkeiten. Viele Dinge lehnen wir nur deswegen ab, weil wir nicht genug darüber wissen. Alternativmedizin. Energiegewinnung. Religion. 
Fragen Sie sich mal selbst, bei wie vielen Themen Sie eigentlich wirklich Ihre eigene Meinung vertreten, weil Sie sich anhand von Fakten ein Bild gemacht haben. Oder ob Sie nur das nachplappern was andere sagen, die selbst nicht wissen wovon sie reden, weil sie nie nachgefragt haben.

Gemeinsam mit den beiden Schweizern habe ich noch mehr Möglichkeiten ausgelotet.

Und die waren der Hammer!
Ich erzähls Ihnen - beim nächsten Mal. 

Montag, 19. August 2013

Südamerika - zwischen Samba und Inka

Wenn alles klappt, dann befinde ich mich in genau fünf Monaten in Argentinien, auf dem Gipfel des Aconcagua!
Grund genug, um an meine erste Tour durch Südamerika zurückzudenken. 

Ich weiß es noch, als wäre es gerade gestern gewesen. 1 Uhr nachts in Rio de Janeiro, das Thermometer zeigt 32 Grad, der Alkoholpegel ist auch nicht gerade niedrig, und ich taumle von der Copacabana in Richtung meiner Unterkunft.

Ein paar Stunden vorher war ich in Rio gelandet, der Carneval war gerade vorbei, überall lagen Teile ausgedienter Sambakostüme an den Straßenecken und ich atmete die feuchte, schwere Luft dieser großartigen Stadt. Der Taxifahrer hatte mich übers Ohr gehauen weil ich vom Flug zu müde war um zu protestieren, mein Backpacker Hostel lag aber nur zehn Minuten zu Fuss von einem der wohl bekanntesten Strände der Welt.
Es dauerte keine zwei Minuten, und ich war mit anderen Reisenden im Gespräch. Die üblichen Fragen nach dem woher und wohin, wie lange schon und wie lange noch. Bis einer zu mir sagte: "Komm, wir gehen vor an den Strand auf nen Caipi."

Zwei Fehler habe ich an diesem Abend gemacht. Der erste war, dieses Gesöff zu unterschätzen! Denn der Caipirinha in Brasilien ist nichts anderes als ein bis zum Rand gefülltes Glas mit Zuckerrohrschnaps, und ein Schnipselchen Limette.
Gut, ich habe es überlebt.

Fehler Nummer zwei, und das ärgert mich bis heute:
mein neuer bekannter Fragte mich, ob ich am nächsten Tag mit zum Fussball gehen möchte. Ein paar der Backpacker hatten nämlich beschlossen, sich ein Spiel im Maracana Stadion anzusehen. Ich lehnte ab, weil ich mich zum Einen wenig für Fussball begeistern kann, und zum anderen nicht gleich am ersten Tag mein Geld zum Fenster rauswerfen wollte.

Gut - haben Sie schon einmal Bilder aus dem Maracana Stadion gesehen. Das größte Fussballstadion der Welt (bei seiner Fertigstellung bot es Platz für rund 200.000 Menschen) ist eine gigantische Party! Sambatrommeln überall, eine Stimmung, die sofort auf alles und jeden übergreift, ein einziger Glückstaumel! Dieses Erlebnis habe ich mir entgehen lassen, weil ich "keinen Bock auf Fussball" hatte. 

Es ärgert mich bis heute, dass ich mir die paar Reales gespart habe. Man muss auch mal etwas neues ausprobieren, auch wenn man der Sache kritisch gegenüber steht. Den Versuch ist es meistens wert. Das gilt für den Besuch von Sportveranstaltungen genau so, wie für die Theater- oder Opernaufführung, die strategische Vorbereitung eines Kundengesprächs, oder die Wahl des Urlaubsziels. 
Meinungen und Auffassungen verändern sich mit der Zeit, Menschen verändern sich, ja ganze Länder, wie ich am Beispiel von Nicaragua bereits beschriebe habe. Also nur Mut, halten Sie nicht an festgefahrenen Gewohnheiten fest! Und vor allem sollte man sich auch ab und zu einfach mal etwas gönnen. Das trägt zum eigenen Wohlbefinden bei, und damit zu einem entspannteren Miteinander.

Ich habe mir dann später noch einiges gegönnt. Zum Beispiel den Hubschrauberflug über die Iguacu-Wasserfälle. Eine absolut spontane, aber richtige Entscheidung. Ich war am Tag zuvor in Iguacu angekommen, und hatte mit meiner Hängematte ganz in der Nähe der Fälle übernachtet. 
Hätten die Moskitos nicht durch den dünnen Stoff hindurch ein Festmahl auf meinem Rücken gefeiert, es wäre eine der tollsten Nächte meines Lebens gewesen. Das brachiale Donnern der Wasserfälle, die feuchte Luft, das Kreischen der Vögel, Nasenbären die neugierig in meinem Rucksack wühlen, der Rauch meines Lagerfeuers. Gut, da kann man einen juckenden Rücken durchaus verschmerzen.

Ich bin dann den ganzen Tag an den Fällen entlang gewandert. Es war einer dieser Momente, in denen auch der letze Realist anfängt sich zu Fragen, welche höhere Macht hier Architekt gespielt hat. Und als ich mir gerade die Frage stellte, wie sich das ganze wohl von oben gesehen darstellt, da war der Helikopterflug auch schon gebucht. Es war teuer, ja. Aber die Bilder die sich in meinen Kopf eingegraben haben, sind unbezahlbar und auf ewig mein!

Mit diesem Hintergrund können Sie überall punkten. Wenn Sie ihrem Gegenüber (egal ob einem Geschäftskunden oder einem Freund oder Verwandten) etwas verkaufen wollen, dann wird seine Frage immer sein: "Was kostet mich das, was habe ich davon, und geht das nicht billiger?" Und je klarer Sie den Nutzen beschreiben können, je beständiger und je außergewöhnlicher dieser ist, desto schneller wird 
ihr Gesprächspartner bereit sein zu investieren, Zeit, Energie, Geld, was auch immer.

Die Ausblicke von dort oben waren jedenfalls so unglaublich, dass ich mir im Laufe dieser Reise noch einen weiteren Flug gegönnt habe, noch einmal die Welt aus der Schöpferperspektive sehen wollte, viel später, in Peru.

Dazu später mehr, denn zu Peru gibt es eine Menge zu erzählen.
Bleiben Sie neugierig! Beim nächsten Post geht es dann etwas mehr ins Detail...

Donnerstag, 27. Juni 2013

Mittelamerika Abschluss

Hier mal wieder ein Text aus meinem Buch, der das Kapitel Mittelamerika vorerst zum Abschluss bringt. 
Lest vielleicht vorher noch einmal die letzten Texte zu meinen Reisen von Guatemala nach Costa Rica. Ist ja schon ein bisschen her. 
Hier jetzt ein paar Gedanken, bevor es dann nach Südamerika weitergeht. 


Man mag den Menschen in diesen Ländern unterstellen, daß sie mit Ihrer Lage nur zufrieden sind, weil sie es nicht anders kennen. Dem muß man zwei Argumente entgegenhalten: 
Erstens muß man ehrlicherweise sagen, daß sie bestimmt nicht immer zufrieden sind. Das zu glauben wäre extrem blauäugig. Nicht umsonst arbeiten Tausende Frauen in den USA illegal als Kindermädchen, nicht umsonst versuchen Kinder trotz wiederholter Abschiebung immer wieder über Mexiko in die Staaten zu kommen. Die unglaubliche Menge Obdachloser in amerikanischen Grenzstädten malt ein grauenhaftes und beschämendes Bild. Trotzdem machen diese Menschen so weit als möglich das Beste aus Ihrer Situation. Ich habe Slums in Guatemala und Brasilien gesehen. Nie hat jemand gejammert. Der Stolz und die Mentalität lassen es nicht dazu kommen. Eine Gabe, die uns abgeht. Wir jammern lieber auf hohem Niveau.

Zweitens muß man feststellen, daß die Menschen in sogenannten Entwicklungsländern nicht so unwissend sind wie wir vielleicht glauben. Ein Dorfbewohner im tiefsten Nicaragua weiß vermutlich mehr über die Welt, als ein verwöhnter Amerikaner in Manhattan. Es ist Jahre her, da kam ich an der Karibikküste von Honduras in ein kleines Dorf. Die Menschen waren extrem dunkelhäutig, sie waren die Nachfahren entflohener Sklaven aus dem 18. Jahrhundert. Touristen verirren sich so gut wie nie in dieses Dorf, und nichts deutet darauf hin, daß man sich hier für irgend etwas interessiert was über den eigenen Acker hinausgeht. Ich wurde in eine der Hütten zum Kaffee eingeladen, die Sau wurde vom Sofa verscheucht, und wir kamen ins Gespräch. Der Sohn der Familie war vor Jahren von zu Hause ausgerissen, und war als Schiffsjunge um die halbe Welt getingelt. Die Eltern waren nicht im geringsten verärgert. Im Gegenteil. Von dem Wissen das Sohnemann mit zurückgebracht hatte profitiert heute das ganze Dorf. Das beginnt bei einigen Brocken Englisch, Französisch und Italienisch, geht weiter bei einem recht ausgeprägten Interesse an der europäischen Politik und Wirtschaft, und gipfelte in einer Diskussion über die deutsche Fußballbundesliga. Die Männer trafen sich sogar regelmäßig vor dem einzigen vorhandenen Fernseher, um die Liga zu verfolgen. Sollten Sie einmal in einer Quizshow sitzen, wählen Sie für den Bereich Sport einen Telefonjoker in Honduras! 
Machen Sie also nie den Fehler die Menschen in ärmeren Ländern als Hinterwäldler anzusehen. Eine Gesunde Neugierde ist die Mutter allen Wissens! Nur weil jemand eine Volkstracht trägt muss er nicht von gestern sein. Und auch das ist etwas, das mich an Guatemala und Honduras fasziniert hat. Trotz den fanatischen christlich-spanischen Eroberern, trotz des Genozids während der Kriege, trotz der großen Zeitspanne zwischen den Ursprüngen und der Moderne, trotz all dieser Faktoren ist die Kultur der Maya noch lebendig. Die Menschen vergessen Ihre Wurzeln nicht, ihre Götter, ihre Bräuche. Nur in Deutschland setzt man offenbar alles daran die eigene Sprache, die eigenen Traditionen und Bräuche schnellstmöglich abzuschaffen. Woher das kommt sollen andere klären, ich halte es nur nicht für sinnvoll. Traditionen, Weißheiten, Umgangsformen die über Jahrhunderte gewachsen sind haben meistens einen Sinn. In der Regel dienen sie dem zwischenmenschlichen Miteinander. Wer jetzt sagt „Mensch, der redet wie mein Opa“, der dürfte genau auf dem richtigen Pfad sein. Ich fühle mich dadurch nur bestätigt. Denn meistens haben nur die Alten den Weitblick und die Erfahrung, um solche Phänomene zu erkennen. Und auch bei uns wird die Zeit kommen, in der man Alter (und die daraus resultierende Erfahrung) wieder zu schätzen weiß, in der Menschen nicht als „zu alt“ empfunden werden um mitreden zu können. Was Weisheit angeht, so kann man gar nicht alt genug sein. Neue Trends und wissenschaftliche Errungenschaften sind eine Sache, ein lebenslanger Erfahrungsschatz eine andere. Selbst die Werbung hat das schon erkannt: „Das 24-bändige Lexikon, 300 Euro. Wissen wo es steht, unbezahlbar.“

Ich hatte früher in diesem Buch schon mehrmals meine Erlebnisse in Nicaragua angesprochen. Für mich wurde dieses Land in mehrfacher Hinsicht ein Symbol. Dafür, dass man Menschen nicht sofort aburteilen soll, dafür, dass sich Dinge verändern können. Als ich 1996 zum ersten Mal nach Nicaragua kam war der Bürgerkrieg noch nicht allzu lange vorbei. Gut, das Friedensabkommen war bereits 1988 unterzeichnet worden, aber Papier ist geduldig. Bis sich alte Gewohnheiten – und seien sie noch so unschön – abschleifen, kann es schon mal etwas dauern. Mein erster Eindruck war damals: ein kaputtes Land voller Mißtrauen und Argwohn, in dem die Menschen wenig mehr gelernt haben als eine Waffe zu halten, und niemandem zu trauen. Wo immer ich hinkam waren die Menschen einsilbig, es wurde selten gelacht, und ich hatte permanent das Gefühl, dass man mich schnellstmöglich wieder loswerden wollte. Fast jeder Reisende wußte damals von Überfällen in der Hauptstadt Managua zu berichten, als Fremder ging man mit mehr als einem offenen Auge durch die Straßen. 
Der seltsame Umgang mit den Menschen legte sich natürlich auf die allgemeine Stimmung, und so konnte ich dem Land nur wenig abgewinnen. Die vielen alten, zerstörten und heruntergekommenen Gebäude taten ihr Übriges. Ich hätte dieses Land nie und nimmer als Reiseziel weiterempfohlen. Und das, obwohl Nicaragua wunderschöne Ecken hat. Das habe ich dann eingehender erst knapp zehn Jahre später erfahren, als ich 2005 wieder in diese Ecke der Welt kam. 
Wieder war ich über Guatemala und Honduras nach Nicaragua gekommen, wieder war ich von den Menschen, der Kultur und der Natur dieser beiden Nationen völlig begeistert, und wieder war ich neugierig auf Nicaragua. Diese Neugier sah allerdings etwas anders aus als 1996. Damals hatte ich mein Wissen nur aus Büchern, die nicht unbedingt für einen Urlauber meines Schlages geschrieben waren. Ich wußte vom Krieg, kannte die Eckdaten, war aber noch nie mit Menschen in einer solchen Situation zusammengetroffen. Mittlerweile hatte sich meine Ausgangsposition grundlegend verändert. Ich kannte wieder einmal die Grundsituation aus der Literatur und den Medien, ich hatte aber auch noch meine Erfahrungen vom letzten Mal im Kopf. Je näher ich der Grenze kam, um so intensiver lief dieser neun Jahre alte Film vor meinem inneren Auge ab. Und je öfter ich ihn „sah“ um so größer wurde meine Ungeduld.
War immer noch alles genauso wie damals? War mein Eindruck richtig? Sind die Menschen dort eben einfach so abweisend? Muß man mit dieser Mentalität leben? Ist ein erneuter Trip in dieses Land pure Zeitverschwendung, oder eine Reise zur Erkenntnis?
Ich sollte in jeder Hinsicht positiv überrascht werden. 
Die Menschen waren wie ausgewechselt, die Häuser wieder hergerichtet, der Umgang freundlich. Ich hatte den Eindruck in einem ganz anderen Land gelandet zu sein. Neun Jahre, und alles war anders! Alles und jeder – ohne Ausnahme – hat eine zweite Chance verdient. Das habe ich damals gelernt. Sicher, wenn Ihnen die Alpen oder der Himalaya heute zu steil sind, dann wird das in neun Jahren nicht anders sein. Vielleicht kann Ihnen ein Geologe die Erosionsgeschwindigkeit von Granit und Schiefer erklären. Aber vielleicht gehen Sie nach ein paar Jahren Bedenkzeit unter anderen Vorzeichen über dieses Felsgestein. Geben Sie also nicht nur allem und jedem eine zweite Chance, geben Sie sie auch sich selbst. 
Ich habe Silvester auf der Vulkaninsel Ometepe mitten im Lake Nicaragua verbracht, und mich mit den Einheimischen am Rum betrunken. Ich habe einen völlig vernebelten Vulkan bestiegen ohne das geringste zu sehen, wäre fast auf dem Rückweg mit der Fähre abgesoffen und mußte stundenlang laufen, weil weit und breit nicht der geringste motorisierte Untersatz zu finden war. Und wissen Sie was? Ich möchte keine Sekunden missen und werde in den nächsten Jahren mit absoluter Sicherheit wieder dort hin fahren. Jetzt - nach dem zweiten Mal – kann ich sagen: Nicaragua ist mehr als eine Reise wert! Meine nächste Reise dorthin wird in den wenig erschlossenen Nordostteil gehen. Ups, schon zu viel verraten! Sagen Sie es nicht weiter! Mit ein bißchen Glück laufen wir uns vielleicht dort über den Weg. 

Dienstag, 16. April 2013

Liebe, Tod und Teufel? Oder Armut, Hass und Tod? Und was hat das mit Förmchen zu tun??

Das hier ist kein Kapitel aus meinem Buch!
Das hier sind einfach ein paar Gedanken und Fragen, die mir seit den Anschlägen gestern beim Boston Marathon durch den Kopf gehen, und die natürlich auch irgendwie in Zusammenhang mit meinen Reisen stehen, und mit den Erfahrungen, die ich mit Menschen in aller Welt gemacht habe.
Drum natürlich auch wieder nicht komplett objektiv!

Wer möchte, darf diesen Artikel gerne teilen. Vielleicht ergibt sich ein kleiner Austausch zu der Thematik.


Was ist da eigentlich los in der Welt?
Auf der einen Seite sprechen wir seit Jahren von internationaler Abrüstung, von Annäherung und Dialog.
Auf der anderen Seite entzweihen wir uns wieder.
China und Russland rüsten wieder auf. Der Terror nimmt zu.
Diktatoren stürzen, aber die "befreiten" Länder stürzen weiter - nämlich ins bodenlose Chaos.

Um uns zu schützen machen wir uns das Leben selber zur Hölle.
Oder um es mit Benjamin Franklin zu sagen:
"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren."

Aber warum das alles? Worum dreht es sich bei Konflikten, Kriegen, Anschlägen?
Es geht doch im Endeffekt immer nur ums Geld.
Man mag den Kampf der Kulturen als Grund anführen, und damit unterschiedliche religiöse Weltbilder.
Aber schlußendlich sind doch auch das nur Vorwände für wirtschaftliche Interessen.
(In naher Zukunft werden wir uns dann wegen des Zugangs zu sauberem Trinkwasser die Köpfe einschlagen, aber das wird wohl noch ein paar Jahre dauern. Oder - ich wage es ja nicht zu hoffen - es wird nicht nötig sein, weil wir alle schlauer werden!)
Schon bei den Kreuzzüge ging es um Handelsrouten und Absatzwege. Die Kreuzritter waren vermutlich die ersten dokumentierten Lobbyisten der Weltgeschichte.

Wer im Gegenzug den Islam als "Religion des Schwertes" bezeichnet vergisst, dasss  bei einem Großteil der genannten Konflikte auf BEIDEN Seiten Menschen des GLEICHEN Glaubens kämpfen! Hier kann es also auch nicht um Missionierung gehen.
Und auch Nordkorea will die Welt bestimmt nicht zum Kommunismus bekehren. Es geht schlichtweg um Flucht aus der Isolation, ohne das Gesicht vor der eigenen Bevölkerung zu verlieren.

Und da ist er, der Teufelskreis:
Kriege werden um Wirtschaftsmacht geführt, aber der wirtschaftlich Mächtige - also der Finanzstarke - kann sich die besseren Waffen leisten.
Terrorismus entsteht aus Unzufriedenheit weil man glaubt, dass das Weltbild des Einen  den Wohlstand des Anderen gefährdet oder verhindert.

Dabei wären die Mittel da, das alles zu verhindern.
Die USA stehen bei Rüstungsausgaben mit jährlich 540 Mrd. Euro an der Spitze.

China hat seine Rüstungsausgaben seit 2006auf gut 80 Mrd. Euro mehr als verdoppelt.
Russlands Militärhaushalt steht derzeit bei rund 55 Mrd. Euro.
Sogar Deutschland lässt sich die Militärausgaben jährlich rund 35 Mrd. Euro kosten.

Die weltweiten Militärausgaben lagen 2011 bei
1,33 Billionen Euro!!!
Bei einer Weltbevölkerung von 8 Mrd. Menschen wären das alleine schon rund 1300 € für JEDEN (!!!) Erdenbürger!



Rechnet man dazu noch die Gelder, die wir bei unsinnigen Aktiendeals, Immobilienblasen etc. ausgeben, dann könnten wir alle herrlich und in Freuden leben.

Wie viele Krankenhäuser, Brunnen, Straßen, Häuser oder Dämme könnte man von diesem Geld bauen, wie viele Felder bewirtschaften, wieviele Krankheiten erforschen und heilen, wie viel Korruption bekämpfen...

Und dabei müssten wir noch nicht einmal an die Reserven gehen.
Wirschaftskrise? ICH BITTE SIE!!!!

Nein, ich bin kein Kommunist! Nein, ich will auch nicht, dass Jedem alles gehört.
Wir leben (zumindest hier bei uns im "Westen") in einer Leistungsgesellschaft.
Wer viel leistet, der darf und soll auch viel verdienen dürfen und vice versa.
Aber muss es sein, das wir unser Geld, und damit unseren Frieden, unseren Wohlstand, unsere Ressourcen im wahrsten Sinne des Wortes verpulvern und verfeuern?

Als Ende 2004 der Tsunami um die Welt rollte war die die Hilfs- und Spendenbereitschaft so groß, dass die Hilfsorganisationen gar nicht wussten, wohin mit dem Geld.
Wie viele weltweite Katastrophen braucht es, damit wir endlich zusammenhalten?

Und: wie wird aus Unzufriedenheit Hass? Ich habe auf meinen Reisen Menschen aus allen möglichen Ländern kennengelernt, habe in Ghettos und Favelas übernachtet, in Trailerparks gegessen, mit Menschen aller Hautfarben gefeiert. Ich war in manchen Gegenden der einzige Weiße weit und breit.
Manchmal brauchte es eine kurze Annäherungsphase, man musste sich kurz beschnuppern, aber am Ende kamen wir immer irgendwie zusammen. Haufarbe oder soziales Standing waren so gut wie nie Thema der Gespräche.
Und über unseren Nachwuchs im Sandkasten will ich gleich gar nicht reden. Denen ist es nämlich auch herzlich egal wie der andere aussieht, Hauptsache er macht seine Sandburg nicht kaputt, oder klaut ihm die Schaufel.
Merken Sie was? Wirtschaftsinteressen!! Solange sich zwei Kinder eine Schaufel und ein Förmchen teilen müssen ist der Zoff vorprogrammiert.
Weil wir das aber wissen bekommt eben jeder sein eigenes Sandkasten-Set.
Und warum geht das nicht bei den Großen??

Dienstag, 9. April 2013

Sicherheitsbedenken? Ach was!

Die andere Seite der Medaille ist leider eine gewisse Sorglosigkeit, die – gepaart mit einer ordentlichen Portion Unwissen – gelegentlich eine recht explosive Mischung ergibt.

Bereits Wochen vor dem Neujahrsfest werden auf den Marktplätzen Knallfrösche, Kracher und Raketen in beängstigenden Mengen verkauft. Dutzende, ja Hunderte von Buden bieten diese Dinger zum Verkauf an. Allein die pure Menge an Sprengstoff die hier lagert kann Einem Angst machen. Was aber noch hinzukommt ist die Sache, daß die Verkäufer in ihren Buden sorglos eine Zigarette nach der anderen rauchen, und sich auch nicht wirklich darum sorgen, wo sie ihre noch glimmenden Kippen hinwerfen. Leider hat es hier schon böse Unfälle mit mehreren Toten und Verletzen gegeben. Ich mache um diese Märkte aus verständlichen Gründen einen großen Bogen.

Eine ähnliche Situation hatte ich am Lago Atitlan in Guatemala. Die kleinen Motorboote die die Dörfer rund um den See verbinden müssen verständlicherweise auch gelegentlich tanken. Eine Tankstelle nach westlichem Verständnis gibt es aber nicht. Was es gibt ist eine Holzbaracke von ca. 20 Quadratmetern, bis unters Dach vollgepackt mit Benzinkanistern aus Kunststoff. Das alleine wäre nicht weiter beängstigend, wenn nicht die ganze Familie – Vater, Mutter, drei kleine Kinder, Großeltern – den ganzen lieben langen Tag in diesen Benzindämpfen sitzen würden, und Papa nicht ebenfalls ein Kettenraucher wäre.

Wer so etwas erlebt, der steht den übertriebenen Sicherheitsanforderungen und Vorsichtsmaßnahmen in Deutschland längst nicht mehr so kritisch gegenüber. Und alle Ärzte haben ein weiteres Argument dafür, daß Rauchen tatsächlich die Gesundheit gefährdet. Man lernt also durchaus nicht nur fremde Bräuche zu schätzen, man weiß auch, was man zu Hause hat.
Wir haben zum Beispiel auch ein recht gut funktionierendes öffentliches Verkehrssystem. Gut, die Chickenbusses in Mittelamerika sind in der Regel pünktlicher als die Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn (vorausgesetzt die Straße wurde nicht weggeschwemmt, ist nicht gerade belagert, und die Ziege läßt sich problemlos auf dem Dach anbinden). Dafür gibt es bei uns bequeme Sitze und eine funktionierende Technik. Die meisten Busse in diesen Ländern sind ehemalige amerikanische Schulbusse, und die sind – wie der Name schon sagt – für Schulkinder gebaut. Jeder Mensch über 1,60 Meter wird also die Reise mit den Knien an den Ohren verbringen, vorausgesetzt er hat überhaupt einen Sitzplatz. Eine Bank die für zwei amerikanische Schulkinder ausgelegt ist wird hier schon gelegentlich mit drei ausgewachsenen Menschen und einem Huhn (alternativ: Schwein, Bananenstaude, Mehlsack, etc.) bestückt, und alles was nicht reingeht sitzt auf dem Dach oder hängt an der Außenverkleidung. Die Scheibenbremsen haben ihrem Belag vor Jahrzehnten den Laufpaß gegeben, die Federung spottet jeder Beschreibung, und die Straßen sind eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern gegen die jeder europäische Feldweg wie eine Autobahn anmutet. Diese Kombination hat mindestens zwei neue Berufszweige hervorgebracht.

Da wäre der „Stopfer“, der so lange von außen drückt, bis wirklich jeder Millimeter Innenraum genutzt ist und jeder irgendwie im Bus klemmt. („Jeder“ berücksichtigt nicht das gute Dutzend derer, die zusätzlich außen am Bus hängen.) Und dann wäre da noch der „Hammermann“. Besonders auf der Panamericana in Nicaragua wurde ich mehrfach auf ihn aufmerksam. Ungefähr alle zwei bis drei Stunden macht der Bus eine Pause von einer viertel Stunde. Während dieser Zeit kommt ein Mann mit einem gigantischen Vorschlaghammer, und drischt die Federung fachkundig zurück an ihren Platz.

Ähnliches kann man auch im Luftverkehr beobachten. Gut, hier muß niemand auf den Tragflächen sitzen, aber weit davon entfernt ist man nicht. Ich hatte einen Inlandsflug von Guatemala City nach Tikal gebucht, um mir die Mayaruinen anzusehen. Als ich morgens um 4 Uhr vor dem Flughafen stehe weißt mich ein freundlicher Mitarbeiter darauf hin, dass ich zum nationalen Airport müsse. Gut, rein ins Taxi und rüber. Ich bin in der Regel recht geizig was das Taxifahren angeht, aber diesen Flughafen hätte ich ohne meinen Taxifahrer nicht als solchen erkannt: aus dem morgendlichen Nebel erhob sich – mitten auf dem was in Deutschland „Stoppelacker“ heißt – eine zirka 30 Quadratmeter große Baracke. Das Terminal. Das Interieur bestand aus einem Klapptisch Marke Ikea Campingabteilung, und ungefähr 20 Klappstühlen, die ihrem Namen alle Ehre machten. Sie klappten nämlich sofort zusammen wenn jemand versuche sich draufzusetzen. Der Beamte am Tisch war bewaffnet mit mehreren Bögen Pappe, einer Schere und einem Edding. Sie ahnen es, oder?
Richtig: mit der Schere wurden je nach Bedarf diverse rechteckige Pappstücke ausgeschnitten, dann mit dem Edding die Sitzplatz- und Flugnummer aufgemalt, und fertig war der Boardingpass. Nach einer halben Stunde Wartezeit durften wir dann „boarden“. Soll heißen: zu Fuß über den Stoppel… äh, das Rollfeld in Richtung Propellermaschine. Ich kam mir dabei vor wie nach einem Flugzeugabsturz, denn wir liefen durch eine Art Fliegerschrottplatz. Alte Turbinen, (hoffentlich) ausgediente Propeller, Höhenruder, etc. Alles was das Herz des passionierten Flugzeugbastlers begehrt. Und an Bord wurde es nicht viel besser. Es handelte sich um eine kleine Turbo-Prop mit links und rechts je einer Sitzreihe. Man muß nicht oft geflogen sein um zu wissen, wie es in einem Flugzeug aussieht. Die Beschriftungen für Notausgänge, Schwimmwesten, Klapptische usw. sind meistens in der Landessprache und in Englisch. Hier nicht! Das fröhliche guatemaltekische Sprachmemory hatte Deutsch, Italienisch, Englisch, Russisch, Spanisch und Französisch im Angebot. Schon faszinierend, aus was man alles Flugzeuge bauen kann! Wäre hinten in der Maschine ein Dixie-Klo gestanden, es hätte mich nicht mehr weiter überrascht.


Der Start verlief dann überraschend entspannt, und der Flug über die Baumwipfel des Dschungels war ein Traum. Nur seltsam, dass die Tür zum Cockpit nicht richtig schloß, und immer wieder aufklappte. Noch seltsamer, dass es zog. Die Lüftung über mir war aus, weil kaputt. Woher kam also dieser kontinuierliche Luftzug? Als die Tür das nächste Mal aufschwang bekam ich die Lösung präsentiert. Und das ist jetzt keine Stammtischgeschichte aus dem Reich der Gebrüder Grimm. Der Pilot hatte das Seitenfenster aufgeklappt, den Ellbogen in guter alter Mantafahrer-Manier aufgestützt, und rauchte eine.
Ich habe selten so gelacht. Gleichzeitig habe ich mich allerdings geärgert, dass ich meinen Fotoapparat nicht greifbar hatte. Seit damals fliege ich noch entspannter, als ich das sowieso schon immer mache. (Ich hatte mehr Schiss, als Jahre zuvor bei einem Flug mit Aeroflot nach Moskau plötzlich die Stuhllehnen von zwei unbesetzten Sitzen ohne Vorwarnung nach hinten krachten. Da sucht man dann unweigerlich nach lockeren Schrauben bei Material und Mannschaft.)

Und:
Ich habe mich nie wieder über das öffentliche Verkehrswesen in Deutschland beschwert. (Doch, einmal: ich durfte wegen Überfüllung nicht mehr in einen Linienbus einsteigen. In Mittelamerika hätten da locker noch 40 Mann hineingepaßt!)